Eine ungöttliche Komödie

Peter Demetz

Der Dichter Juan Carlos Onetti und eine neue Reise nach Santa Maria

Juan Carlos Onetti, vor zweiundachtzig Jahren in Montevideo geboren, konstruiert seine Romane in Sprüngen und Wiederholungen. Vor vierzig Jahren erfand er sich, im Geiste William Faulkners, eine Stadt namens Santa Maria, typisch Rio de la Plata, aber ohne Folklore, und ließ seine rastlosen Figuren hin und her wandern. Sie sind immer wieder angezogen und ausgeworfen von dieser schäbigen und tropisch verwitternden Stadt mit ihren Konservenfabriken, dem Arbeiterviertel, den Grundbesitzern, die Spanisches affektieren, der Polizei, die sich dem Willen der Mächtigen beugt, und der religiösen Schweizer Einwandererkolonie. Ein merkwürdiger Ort enttäuschter Hoffnungen, "wo nur die guten Taten im Geheimen geschehen", und deshalb ein Spiegel "aller Städte der Welt". Onettis ursprüngliche Trilogie über Santa Maria hat sich allerdings längst in immer neue Geschichten und Erzählungen verzweigt, und auch die neue Publikation "Der Tod und das Mädchen" zählt zu ihnen, ein kurzer, um nicht zu sagen balladesker Roman, den er zum ersten Male im Jahre 1974, vor seiner Flucht ins spanische Exil, veröffentlichte.

Onetti legt seine Geschichte wieder in Mund und Geist des skeptischen Stadtarztes Diaz Grey, dem wenig verborgen bleibt. Eine junge Frau aus vermögender Familie stirbt, wie ihr die ärztlichen Autoritäten genau voraussagten, im Kindbett, und ihr Gatte beteuert seinen Freunden und der zornigen Verwandtschaft, er hätte sich längst aller ehelichen Pflichten enthalten, um ihr Leben nicht zu gefährden. Dieser Augusto Goedel, armer Herkunft, blond, Pomade im Haar, und von unstillbarem Ehrgeiz, war einmal Student im Priesterseminar, spielte den Oberen eine Farce der Frömmigkeit vor und verdiente dann viel Geld als Finanz- und Rechtsberater. Er flieht nach Europa, schreibt groteske (stasireife) Briefe über die Intellektuellen Santa Marias an den Direktor der Berliner Staatsbibliothek (DDR) und kehrt dann, wie andere, wieder nach Santa Maria zurück, mitsamt einer Sammlung von pornographischen Liebesbriefen, die der vermutliche Vater des fatalen Kindes, nicht er, an die Verstorbene gerichtet haben soll. Wer trägt die Schuld am Tode der jungen Frau, und woraus besteht sie?

Eine Strähne aus den Geschehnissen Santa Marias, aber durchaus keine geschlossen konventionelle Novelle, denn in die Geschichte Goedels fließen andere ein - fragmentarische Blicke ins Leben des wohlhabenden Jorge Malabia, der lyrische Gedichte schrieb, und jetzt im Blatte seines Vaters liberale Phrasen drischt, in die Alltäglichkeit des nachdenklichen Arztes, der eine Geistesgestörte heiratete, die sich überall mit Spiegeln umgibt, und immer gegenwärtig die Schweizer Kolonie, mit ihren gewichtigen Familienbibeln und dem starken Kakao.

Onetti hat nie gezögert, im Texte seiner Epik zu betonen, die Stadt und ihre Bürger seien ein Spiel der Imagination. Er verfährt dabei höchst diskret und ohne theoretischen Schwulst, und eine ganze Generation berühmter lateinamerikanischer Autoren, einschließlich Julio Cortázar, Mario Vargas Llosa und Carlos Fuentes, verdankt ihm den Weg zu einer poetischen und experimentellen Prosa.

"Der Tod und das Mädchen" ist ein scharfer Splitter aus dem großen Epos über Santa Maria, steht und fällt aber mit dem Vermögen des Autors, auch diesem Teil eine gewisse Selbständigkeit zu geben. Das ist Onetti nicht ganz gelungen. Die Physiognomie der Figuren, auch der Nebenrollen, ist von unverwechselbar epigrammatischer Kontur (Onetti ist ein Meister der Namengebung und der halbbewußten Gesten), aber das eigentliche Erzählende ist doch allzusehr Stenographie, als ob der Autor schon ungeduldig mit sich selber wäre, und die Dialoge, die die Kerne bilden, tauchen wie in einem plötzlich vulkanischen Lichte auf, um dann wieder ins Dunkel zu versinken.

Deshalb sind die Kommentare und Erklärungen des loyalen Übersetzers Jürgen Dormagen von besonderem Gewicht, denn sie stellen Verbindungen her und plazieren, was geschieht, in die ganze ungöttliche Komödie Onettis und ihre Topographie. Man wünschte sich diese Kommentare zu einem ersten deutschen Buch über diesen bedeutenden Romancier der Moderne entfaltet, und liest inzwischen die neue Geschichte als unüberhörbare Aufforderung zu tieferen und längeren Reisen nach Santa Maria.