Männerduos, halbverfallen

Ria Endres

Der kurze Roman „Der Tod und das Mädchen", den Juan Carlos Onetti 1973 geschrieben hat, führt wie viele andere Prosatexte des Autors nach Santa Maria, einer Provinzhauptstadt, die irgendwo zwischen Uruguay und Argentinien liegen könnte, auch wenn man sie auf der Landkarte nicht findet.In der Nähe der schwülen, bedeutungslosen, halbverfallenen Stadt wuchert eine Kolonie, bestehend aus scheußlichen blonden Einwanderern. Die Beziehungen zwischen den Menschen aus Santa Marfa und den Fremden sind undurchsichtig und verlogen. Die Zeit schleicht dahin, aber nicht wie im wirklichen Leben, sondern nach dem Willen eines unergründlichen Mannes, der Juan Mana Brausen genannt wird. Nach „Brausens Ratschluß" werden die Geschicke Santa Marias bestimmt, und er ist es, der die Zeit dahinschleichen läßt und beinahe zum Stillstand bringt. Wer ist dieser Brausen? In Onettis frühem Roman „Das kurze Leben" aus dem Jahre 1950 taucht er zum ersten Mal als Angestellter einer Werbeagentur m Buenos Aires auf, ein armer Kerl, der sich ein imaginäres Santa Maria erträumt, um darin ein fingiertes Leben führen zu können Brausens Träume sind mit durchaus realistischen Details ausgestattet, die eine wirkliche Stadt suggerieren. Am Ende dieses Romans wird seinem Erfinder sogar ein Denkmal errichtet. Im Laufe der Zeit verändert sich Santa Maria, erne Feuersbrunst zerstört einen großen Teil der Stadt, aber sie existiert trotzdem im Roman „Der Tod und das Mädchen" weiter, wenn auch in merkwürdige ungreifbare Ferne gerückt. Vielleicht sollte man eher sagen, ihre Atmosphäre existiert, gefiltert durch die Hauptfigur Dias Grey, einen alternden Arzt, der einerseits das Alter ego des Autors zu sein scheint, andererseits aus der Nähe Brausens kommt. Zumindest betrachtet Brausen ihn als einen „Beobachter" der Stadt. Brausen wird von Onetti als „Demiurg" bezeichnet. Er ist Herr über Leben und Tod seiner Figuren: seiner Hirngespinste. Der Autor hat ihm eine böse Macht verliehen, und er spielt so lange mit dem Demiurgen, bis der Eindruck entsteht, Brausen würde auch mit ihm machen, was er wolle. „Die Wege Brausens waren für uns immer rätselhaft", heißt es. Dias Grev sinnt über sein scheinbar von Brausen gegebenes Leben nach, über dessen Fähigkeit, Liebe und Tod zu ordnen. Der Arzt wünscht sich – als wäre er zugleich ein Kritiker der Prosa Onettis – einen wahrhaftigeren, nicht so schlampigen Schöpfergott, vor allem nicht in Liebesdingen; eben einen Brausen, der die Liebe nicht so schemenhaft sieht, die Geschlechter nicht so gründlich voneinander trennt und der nicht hinter jedem Gesicht eine Todesmaske wittert.

Die Handlung des Romans ist schnell erzählt. Dem Arzt Dias Grey sitzt der Patient Augusto Goerdel gegenüber, ein Notar, der für den katholischen Weihbischof Bergner Geld in Santa Maria und Umgebung eintreibt. Er stammt aus der Kolonie. Bergner hat ihn schon als Kind zu einem eifrigen Hostienschlucker gemacht, und Goerdel wußte, daß er aus seiner Armut nur herauskommen würde, wenn er die religiösen Rituale mitspielte. Nun ist er reich geworden und mit der jungen Frau Helga Hausner verheiratet. Augusto Goerdel ist aber kein normaler Patient. Als gutgekleideter gesunder Kranker beichtet er Dias Grey von seinem künftigen Verbrechen, das darin besteht, seiner Frau ein zweites Kind zu machen, dessen Geburt sie nicht überleben würde. Aber der Arzt will ihm die Beichte als die Vorwegnahme einer zukünftigen Schuld nicht abnehmen Er rät zu Zügelung und Askese. Da es von Anfang an klar ist, daß Goerdel des Verbrechens an semer Frau schuldig sein wird, weil er sich ausschließlich für seine Bedürfnisse interessiert, wundert es niemanden, daß seine Frau bei der Geburt stirbt. Augusto Goerdel muß aus der Stadt verschwinden, denn er hat Angst, gelyncht zu werden Zur Verblüffung der Leute aus Santa Maria kehrt er jedoch nach einigen Jahren als ein gewisser Johannes Schmidt zurück, der in Deutschland ein undurchsichtiges Leben geführt hat: „Er sprach immer noch von posthumer Gerechtigkeit, obwohl er ja am Leben ist, zugleich beharrlich und unbekümmert. (. . .) Er lebt in Deutschland, ja; aber im kommunistischen Teil. Und ist katholischer Priester, Papist. Und bekommt weiterhin Kinder. Jetzt ist er schon beim dritten angelangt, mit der zweiten Frau, mit dieser Bock. Vielleicht eine Extrabulle, vielleicht verkleidet er sich auch nur als Pfarrer. Er trägt eine Mütze unbekannter Herkunft, eine Mütze, dessen bin ich sicher, die einer Kriegsleiche gestohlen wurde. Aus grauem Tuch, mit vier Lederstreifen. Uber der Soutane aus dem Theaterfundus trägt er erne gefütterte Jacke, mit Pelzkragen und Pelzaufschlägen. Jetzt ist er nicht mehr Goerdel. Aus Demut hat er sich zu Johannes Schmidt erniedrigt. Er schlägt die Hacken zusammen beim Grüßen und beugt den Rücken, wenn er einem die Hand gibt. Aber er ist immer noch der gleiche schmierige Hundsfott wie eh und je und bietet einem unermüdlich das gütige Lächeln des katholischen Missionars dar oder das des Kommunisten, der Weisungen austeilt wie Heiligenbildchen."

Völlig emotionslos, aber hartnäckig versucht er, durch das Herumzeigen alter Liebesbriefe- an seine ehemalige Frau zu beweisen, daß ein anderer der Mörder sein muß. Aber weder Dias Grey noch sein Freund, der Journalist Jorge Malabia glauben, daß die Briefe echt sind. Schmidt alias Goerdel quartiert sich ungeniert bei seinem ehemaligen Lehrer, dem Weihbischof Bergner, ein. Er erzählt ihm einen zwanghaft wiederkehrenden Traum: Seine tote Frau führt ihm in einem weißen Kleid ein sehr junges Mädchen zu. Bergner ist durchaus bereit, die Absolution zu erteilen, und besucht mit Schmidt/Goerdel öfter eine reiche Familie, deren jüngste Tochter das Mädchen aus dem Traum ist. Dias Grey, dem der Weihbischof diesen Traum berichtet, hält Goerdel für ein „gemeines Tier".

Der Fall Goerdel wird nicht gelöst. Es gibt kein abschließendes Urteil. Goerdel ist ein zynischer, kalter und berechnender Mann, der den Tod bringen könnte und sich sogar zum Wiederholungstäter eignet. Aber: „Wir alle lügen, noch vor den Worten", sagt Goerdel. Und so sitzen sich Männerduos gegenüber und führen vor allem Scheingespräche. Sie kennen ihre Rollen, beobachten sich und werden vom Demiurgen Brausen beobachtet, der sie m die halbverfallene Stadt hineinprojiziert hat. Nur manchmal gerät der Erzähler Dias Grey in den Bann einiger Photographien seiner Tochter aus früher Kinderzeit. Er liebt dieses Kind und empfindet ein grausames Vergnügen, mit den Photos eine Art Patience zu legen. Wie ein unheimliches Laster zelebriert er diesen Akt. Je älter das Kind auf den Photos wird, um so fremder wird es für den Arzt. Der Prozeß der Veränderung ms Erwachsenenalter hinein ist für ihn erne Qual. Er bezeichnet sich als einen „unglücklichen Paranoiker", verfolgt von den Bildern seines Kindes; als erwachsene Tochter hat sie für ihn kem Gesicht mehr. Er konnte nicht verhindern, daß sein Kind heranwächst und damit unrein wird: „Und eines Nachts, sie wird nicht trauriger sem als andere, werde ich alle Fotos verbrennen, deren Alter über die drei Jahre hinausgeht." Wie in allen Büchern Onettis wird auch in diesem die Remheit von Mädchen gehebt und zerstört. Archaisch ist männliche Sexualität mit dem Tod vermischt.

„Der Tod und das Mädchen" gehört zu den klemen Meisterwerken der Weltliteratur. Nach allen Regeln der Kunst wird der Leser in ein fiktives Geschehen hineingezogen, und zugleich bleiben die wichtigen Probleme im Ungewissen. Aus der Ferne meldet sich der Autor gleichsam telepathisch und behält doch die Fäden in der Hand Auf ganz nebensächliche Weise denkt der Text über sich selbst nach und erreicht in seiner fatalistischen Atmosphäre trotzdem eine unverwechselbare fiktive Wirklichkeit.

Juan Carlos Onetti: Der Tod und das Mädchen Roman, aus dem Spanischen von Jürgen Dormagen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1993; 97 S., 16,80 DM