Borris Mayer
Er war kein Pamphletist. Er heischte nie nach Aufmerksamkeit mit vordergründig-politischen Texten. Aber bezog trotzdem immer eindeutig Stellung. Schriftlich und mündlich.
Vielleicht hätte Juan Carlos Onetti dieser Tage die "Reflexionen über Junior" geschrieben. Oder eine "Reflexion über Kreuzzüge". Über "W.", über die Idiotie oder den Wahnsinn oder die Potenz der Dummheit.
Vielleicht hätte er, wie viele von uns, sein Whiskyglas in Richtung Fernseher geschleudert beim Anblick des Präsidenten, der sonntags in die Kirche geht und werktags seinen Glauben an den Krieg predigt.
Wahrscheinlich hätte er, zu seiner Meinung befragt, nach einer neuen Zigarette gegriffen, den Kopf gewiegt und schließlich, einige Züge später, auf folgenden Abschnitt aus seinem Roman "Lassen wir den Wind sprechen" verwiesen:
"Seit vielen Jahren war mir klar, dass man Katholiken, Freudianer, Marxisten und Patrioten in den gleichen Sack stecken muss. Ich will damit sagen, jeden, der an etwas glaubt, gleichgültig, woran; jeden, der argumentiert, weiß oder denkt, indem er gelernte oder ererbte Gedanken wiederholt. Ein Mensch mit einem Glauben ist gefährlicher als ein hungriges Raubtier. Der Glaube zwingt sie zur Tat, zur Ungerechtigkeit, zum Bösen; es ist gut, ihnen beipflichtend zuzuhören, unter vorsichtigem und höflichem Schweigen abzuschätzen, wie weit ihr Aussatz fortgeschritten ist, und ihnen jederzeit recht zu geben. Und der Glaube kann sich am Belanglosesten, Subjektivsten festmachen und entzünden: an der jeweils geliebten Frau, einem Hund, einer Fußballmannschaft, einer Nummer im Roulett, einer lebenslangen Berufung.
Der Aussätzige braust auf, sobald er aneckt, schwitzt angesichts des kleinsten oder vermuteten Widerspruchs Phosphorgerüche aus, sucht sich – den Glauben – zu behaupten, indem er Köpfe oder zarte, geheiligte Bande niedertritt. Alles in allem – ich denke an Pablo und sein Alter – gelangt ein vom Glauben jedweder Art angesteckter Mensch rasch dahin, diesen mit sich selbst zu verwechseln; dann ist es die Eitelkeit, die angreift oder sich verteidigt. Mit Gottes Hilfe ist es besser, wenn solche einem nicht über den Weg laufen; mit eigener Hilfe ist es besser, den Gehsteig zu wechseln.
Und als Pablo mich eines Nachts herausfordernd und herablassend fragte, was denn aus der Welt, aus den Menschen geworden wäre oder werden würde, wenn sie nicht den nötigen Glauben besäßen, um fortzuschreiten, wiegte ich den Kopf und ermaß schweigend den Abstand, der die Mau Maus von den Konzentrationslagern trennt, dem Genozid, den reißenden Tieren, die die Welt regieren."