So traurig wie er. In Madrid starb einer der größten Schriftsteller Südamerikas: Juan Carlos Onetti

Iris Radisch

Ein langes Leben - Whisky, Zigaretten, Zeitungen, vier Ehen, ein Pferdegesicht, dicke Brillengläser, Cervantes-Preis, ein Appartement in der Avenida de America, das er kaum noch verlassen hat. Zuletzt ein Leberleiden. „Dei uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti, einer der bedeutendsten Autoren Lateinamerikas, ist im Alter von 84 Jahnen gestorben. Zu den auf deutsch erschienenen Werken Onettis gehören die Romane ,Der Schacht', ,Das kurze Leben', ,Die Werft', ,Lassen wir den Wind sprechen' und der Erzählungsband ,So traurig wie sie'." Schreibt dpa.

„Man sagt, es gebe verschiedene Arten zu lügen; aber die widerwärtigste von allen ist die, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit, und dabei die Seele der Tatsachen zu verbergen." Schreibt Onetti.

Zuerst die Wahrheit.

1909 in Montevideo, Uruguay, geboren, Urgroßvater Engländer, Großvater Börsenmakler, Vater Zollbeamter. In Uruguay hat sich bis zum Jahr 1909 nichts Entscheidendes ereignet. Das Land ist kaum bevölkert. In der Pflanzenwelt wiegt Grasland vor. Montevideo ist 185 Jahre alt. Haupterwerbszweig: Rinderund Schafzucht. Onetti besucht keine Universität, hat „vermischte Stellungen" (Laufbursche, Kartenverkäufer, Vertreter für Rechenmaschinen, Feuilletonredakteur, Bibliothekar). Er veröffentlicht seinen ersten Roman nach dem Sieg Francos, im selben Jahr, in dem Hitlers Wehrmacht in Polen einfällt. Er lebt - „wie in einem Tanzschritt" - abwechselnd in Montevideo und Buenos Aires. Seine Hausgötter sind Faulkner, Hamsun und Celine. Er spricht mit vorstädtischem Akzent, liest wie ein Besessener, trinkt und hält lange, wundersame Reden in den Tavernen, spät in der Nacht. 1973 gibt es in Montevideo einen Staatsstreich, die neuen Diktatoren verhaften Onetti, lassen ihn bald wieder frei. Seit 1975 lebt er mit Frau, Hund und Schwester unterm Dach eines Madrider Neubaus, eine Spinne im Netz aus Autohupen und Sirenengeheul.

Dann die Seele der Tatsachen.

Die Seele der Tatsachen ist so traurig wie Onetti. Sie lebt in der Literatur, vegetiert im Speck voluminöser Provinzangestellter, nistet sich ein im Glanz bewährter Vorurteile, im Gleichmut der Vororte, sie hört dem Regen zu, riecht nach unterer Mittelklasse, nach sinnloser Schufterei, nach italienischen Sonntagsessen, sie hält die menschliche Dummheit für unheilbar und widerspricht nie.

„Ich würde gerne die Geschichte einer Seele niederschreiben, von ihr allein, ohne die Ereignisse, auf die sie sich einlassen mußte, ob sie wollte oder nicht", schreibt Onetti in seinem ersten Roman. Das hat er nie getan. Vom ersten („Der Schacht") bis zum letzten Buch („Magda") ist seine Seele an die öde, menschenleere Welt Südamerikas gebunden, an das halbindustrialisierte Brachland Uruguays, die rostigen Drahtzäune, die leeren Rampen und die graugrünen Bohlen - schnell gebaute, schnell vergessene Versprechen einer kommenden Zivilisation. In Onettis wunderbaren Büchern fehlt jede Spur von der „wunderbaren Wirklichkeit", der südamerikanischen Dschungelmagie, die in den achtziger Jahren bei europäischen Lesern in Mode war und den „Boom" lateinamerikanischer Literatur entzündet hat.

Vielleicht wurde Onetti deswegen zu spät entdeckt, lange nachdem seine Nachläufer - Ernesto Säbato, Julio Cortäzar, Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Guillermo Cabrera Infante und Manuel Puig - den modernen lateinamerikanischen Roman berühmt gemacht hatten. Den modernen Roman, den Onetti als Dreißigjähriger in Montevideo zu einer Zeit erfunden hatte, als man in Europa von Cioran, Beckett und Sarraute noch nichts wußte. Später wurde er als der „Entdecker der Stadt" gefeiert, weil in seinen Romanen der Urwald und die Gauchos durch eine geschichtsund gesichtslose Provinzstadt am lehmigen Rio de la Plata ersetzt wurden. Onetti hat diese Stadt erfunden und hat sie Santa Maria genannt - ein Paradies, das im wesentlichen aus Gleichmut, Regen und Biederkeit besteht und in dem traurige, fettleibige Angestellte in der Sonne dösen. „Ich schildere eine Gruppe von Menschen ... die eine Generation vertreten", verteidigt er seine Erfindung. „Das bedeutendste Land des südamerikanischen Kontinents hat begonnen, einen moralisch gleichgültigen Menschenschlag hervorzubringen, der jeden Glauben und alles Interesse am eigenen Schicksal verloren hat. Man mache dem Schriftsteller keinen Vorwurf daraus, daß er diesen Typus im gleichen Geist der Gleichgültigkeit porträtiert."

Seit dem ersten großen Roman „Das kurze Leben" stehen Ort und Personal der Onetti-Welt fest: ein weltverlorener, hitzeglühender Kosmos, den Onetti mit jedem Buch fortspinnt. Nebenfiguren eines Buches werden zu Hauptfiguren eines anderen. Alte Bekanntschaften aus einem Buch werden in einem nächsten weitergepflegt. Die erfundene Stadt am Rio de la Plata erhält einen Stadtplan, den man aufzeichnen könnte. Das Leben der Stadt ist schlafwandlerischer, regungsloser und rissiger, als man es erwarten würde, aber, rein seelisch: betrachtet, wahrer, als das wirkliche Leben je sein könnte.

Hier leben sie dahin, die dauererotisierten Mittelständler und ihre dicken weißen Frauen, an die Verachtung und dauernde Schwangerschaften sie ketten; die alerten Kellner und selbstvergessenen Prostituierten, die Provinzärzte und Bürovorsteher, die jederzeit (wie in Onettis schönstem Romen „Die Werft") bereit sind, den Schein ihres trüben Angestelltenlebens gegen die Angriffe der Wirklichkeit mit ihrem Leben zu verteidigen. Das ist verständlich. Denn außer einer „zerstreuten Lüsternheit" und den Bürozeiten haben sie im Leben keinen Halt.

Ein Dreck, nichts als „die von einer Laune erzeugte Laune", „ein Ensemble geliehener Sachen", eine Art lehmiger Fortsatz des lehmigen Flusses ist der Mensch bei Onetti. Die Stimmung ist fahl, die Liebe verflossen, die Gefühle verflacht. Das Personal rekrutiert sich aus geduckten Junggesellen und abgelebten Eheleuten, die über den geregelten Mahlzeiten und den Jahren verlernt haben, unter dem Stumpfsinn zu leiden. Vergessen die Zeit, in der sie einander Liebesbriefe schrieben, die „aus nichts als einem wirren obzönen Satz" bestanden. Die Handlung ist bedeutungslos, eine Geschichte empfindungsloser Ratlosigkeit, die von einem ganz normalen Leben erzählt, in dem man Fett ansetzt, Kinder zeugt und Mate trinkt.

Das ist - viele Kilometer entfernt von Emmanuel Bove und Eugene Ionesco - europäischer Nihilismus in südamerikanischen Blechhütten. Doch anders als in Europa ruiniert nicht die Absurdität der Geschichte, sondern vor allem die natürliche Dummheit der Frauen die Menschheit. Es sind die Frauen, die ihre Männer mit ihren „großen weißen Körpern", mit ihrem „Mangel an Individualität", ihrem „ekelhaften Sinn fürs Praktische" immer weiter hinunter ins vegetative Nichts, in eine geistlose Wirklichkeit stoßen. Dort unten geschehen unbegreifliche Dinge, ein Mord, ein Konkurs, eine Verhaftung, und der Roman ist zu Ende.

Das wäre barbarischer Urkatholizismus, ginge es nicht um etwas anderes. Denn die Prosa, die den Helden in den Untergang begleitet, verliert sich auf rätselhaften Abwegen, auf wunderbaren, poetischen Irrläufen, fern Von der öden Handlung, dem zähen, archaischen Geschlechterkampf, für den sich noch nicht einmal der Autor interessiert und für dessen Höhepunkte - Mord, Selbstmord, Flucht - er jede Erklärung, jeden fürsorglichen Kommentar schuldig bleibt. Was immer im flirrenden Kokon dieser Romane geschieht - niemand weiß, warum.

Das anarchische Eigenleben der Geschichten Onettis, die schnelle, nervöse, häufig undeutliche Welt seiner Romane sind nicht komplizierter als das, was sie beschreiben: die schnelle, nervöse, geschichtslose und häufig undeutliche Welt, fern von Europa und seinen majestätischen, prachtvollen Konventionen. Die Leere und die Einsamkeit in Onettis Büchern sind ein Teil der Leere und Einsamkeit seines Landes, in dem es keine Traditionen zu zerstören gilt, weil es keine gibt.

Zum Schluß das Ende der Tatsachen.

Herzstillstand, Madrid, Montag, 30. Mai. Niemand weiß, warum. „Meiner Meinung nach", hat er geglaubt, „wird es auch nach dem Tod nichts als Einsamkeit geben."