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Juan Carlos Onetti: Verrückte WeltAndreas M. Widmann Juan Carlos Onetti gehört zu den wichtigsten Schriftstellern Lateinamerikas. Andreas M. Widmann hat die Neuausgabe seines Romans Das kurze Leben (Suhrkamp 2007) zum Anlass genommen, sich mit diesem Autor und dessen Bedeutung für die lateinamerikanische Literatur der Moderne eingehend zu beschäftigen. Ein Mann steht unter der Dusche und hört durch die Wand, wie seine Nachbarin mit einem Besucher spricht. „’Verrückte Welt’, sagte noch einmal die Frau, nachäffend, wie übersetzend. Ich stellte mir ihren Mund vor, wie er sich vor dem nach Kälte und Gärung riechenden Atem des Kühlschranks bewegte, oder vor dem braunen Holzperlenvorhang, der steif zwischen dem Abend und dem Schlafzimmer hängen musste und die Unordnung der jüngst eingetroffenen Möbel verdunkelte. Zerstreut lauschte ich den abgehackten Sätzen der Frau, ohne an das zu glauben, was sie sagte. Der Mann unter der Dusche heißt Juan María Brausen. Er ist Angestellter einer Werbeagentur, steht kurz vor der Entlassung und arbeitet an einem Drehbuch. Während seiner Frau Gertrudis eine Brust amputiert wird, stellt er sich vor, was in der Nachbarwohnung geschieht.“ Mit dieser Szene beginnt Juan Carlos Onettis Roman Das kurze Leben (übers. von Curt Meyer-Clasen und Wilhelm Muster, Suhrkamp 1999), der jetzt in einer vollständig überarbeiteten und ausführlich kommentierten Übersetzung neu vorliegt. Als der Roman 1950 in Argentinien erschien, wurde er von der Kritik übergangen. Onetti lebte damals seit fünf Jahren in Buenos Aires. Sein Geld verdiente er als Reporter, nebenher veröffentlichte er Texte in literarischen Zeitschriften. Fünf Jahre später zog er wieder in seine Heimatstadt Montevideo, arbeitete als Werbetexter und Journalist und übernahm schließlich, wie der zehn Jahre ältere Borges jenseits des Rio de la Plata, die Leitung der städtischen Bibliotheken. Zuletzt ging er, nachdem er 1974 als Mitglied einer Jury eine regierungskritische Erzählung für einen Literaturpreis empfohlen hatte und deshalb mehrere Wochen im Gefängnis verbringen musste, ins Exil nach Madrid. Zurückkehren wollte er nicht mehr. Auch Brausen will fliehen. Nicht vor der Politik, sondern vor dem eigenen Leben, das ihm inhaltslos und beengend erscheint. Den Geräuschen aus der Nachbarwohnung lauscht er wie einer Verheißung und eines Nachts, während seine Frau neben ihm schläft, erfindet er als Hauptfigur für sein Drehbuch den Arzt Diaz Grey und die Stadt Santa Maria. „Ich ging auf Zehenspitzen zum Balkon und betastete die halb heruntergelassene Holzjalousie. Ich lächelte, verwundert und dankbar, weil es so leicht gewesen war, ein neues Santa Maria in der Frühlingsnacht auszumachen.“ Der Leser hat einem Schöpfungsprozess beigewohnt, dessen Bedeutung sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen lässt, der jedoch über den Text hinausweist und Onettis Schlüsselrolle für den lateinamerikanischen Roman illustriert. Was hier geschieht, ist die Erschaffung einer Welt mit den Mitteln der Sprache, die der Wirklichkeit gleichberechtigt gegenübergestellt wird. Nach und nach verliert sich Brausen in dieser selbst erschaffenen Welt. Er verwirft das Drehbuch, hält aber an den erfundenen Figuren fest und schreibt die Geschichte von Diaz Grey und seiner morphiumsüchtigen Patientin Elena Sala weiter. Zur gleichen Zeit fädelt er die Bekanntschaft mit seiner Nachbarin Queca ein. Er gibt sich als Freund eines ihrer Bekannten aus, nennt sich Arce und beginnt eine Affäre mit ihr. Bald lebt er drei parallele Leben: Sein eigentliches, das von Arce, in den er sich bei Queca verwandelt, und seine fiktionale Existenz als Diaz Grey, bis ihm klar wird, dass er sein Dasein völlig ausgehöhlt hat. „Ich, Juan María Brausen und mein Leben waren nichts als leere Formen, bloße Darstellungen einer alten, träge aufrechterhaltenen Bedeutung, eines ohne Glauben durch Menschen und Straßen und Stunden der Stadt, durch Routinehandlungen hingeschleppten Wesens. Ich war an dem unbestimmten Tag verschwunden, an dem meine Liebe zu Gertrudis geendet hatte; ich lebte im geheimen Doppelleben von Arce und dem Provinzarzt weiter.“ Am Ende von Das kurze Leben flieht Brausen, als Mitwisser des Mordes an Queca, den er (grundlos) eigentlich selbst begehen wollte, mit dem Täter nach Santa Maria. Dort lösen sich im Treiben des Karnevals die Identitäten der Figuren auf, Brausen verwandelt sich in Diaz Grey. Die letzten Seiten des Romans sind aus dessen Sicht erzählt, der Held ist in seiner selbst erfundenen Geschichte aufgegangen. Dass es möglich wird, von Buenos Aires nach Santa Maria (wo die meisten von Onettis späteren Romanen spielen) zu reisen, ist kennzeichnend für Onettis Glauben an die eigene Berechtigung der Kunst und für die Auflösung der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die der Roman betreibt und mit der er der Moderne in der lateinamerikanischen Literatur die Tür geöffnet hat. Von anekdotischem Charakter, aber bezeichnend für diese Grenzverwischung, ist die Entstehungsgeschichte des Kapitels „Begegnung mit der Geigerin“. Während der Arbeit an dem Manuskript lernte Onetti seine vierte und letzte Ehefrau Dorotea Muhr kennen. Er verliebte sich in die junge Frau, als er sie mit einer Geige in der Innenstadt von Buenos Aires sah. Dieses persönliche Erlebnis verarbeitete er kurzerhand in seinem Roman und verwandelte so das Leben in Literatur. Selbst eine Figur namens Onetti taucht in der Erzählhandlung auf. Nach seiner Entlassung eröffnet Brausen eine eigene Werbeagentur und der Mann, von dem er eine Bürohälfte mietet, „hieß Onetti, lächelte nicht, trug eine Brille und ließ ahnen, daß er nur Frauen mit blühender Phantasie und engen Freunden sympathisch sein konnte“. Wie Alfred Hitchcock, der in seinen Filmen kurz selbst zu sehen ist, geht hier der Autor plötzlich durchs Bild und liefert ein lakonisches Selbstporträt. „Er begrüßte mich um zehn, bat gegen elf um einen Kaffee, empfing Besucher und nahm Telefonanrufe entgegen, redigierte Schriftsätze, rauchte ohne Gier und sprach mit ernster, stets gleich bleibender, träger Stimme“ heißt es weiter. Dieses Bild ähnelt dem, welches Onetti im Alter auf Fotos und in Interviews vermittelte, als auch in Europa sein Rang erkannt und mit internationalen Auszeichnungen gewürdigt wurde: ein gebildeter, reservierter Herr, der von einem unheilbaren Pessimismus durchdrungen zu sein scheint. Onettis Einfluss auf die lateinamerikanische Literatur lässt sich daran ermessen, wer vor ihm war und wer nach ihm kam. Vor Onetti ragt mehr oder weniger einzig Borges als Vertreter avantgardistischer Schreibweisen heraus wie ein Obelisk; gut zehn Jahre nach Erscheinen von Das kurze Leben tritt die so genannte Boom-Generation an: Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa und Gabriel García Márquez, ihre drei bekanntesten Vertreter, sind Schriftsteller von Weltrang und schon zu Lebzeiten auch von Weltruhm. Jeder von ihnen beruft sich auf Onetti. Seine wegweisende Wirkung wird besser nachvollziehbar, wenn man sich seinem Werk über die revidierte Übersetzung nähert. Ihr Verdienst ist es, den Text von Firnis und Staub der ersten Übertragung befreit, ihn gewissermaßen wieder ans Licht gebracht zu haben. Im Vergleich mit der früheren Version fällt auf, dass der Erzählton des Romans härter, aber auch klarer und glatter geworden ist. Das gleiche gilt für die im selben Band enthaltenen Kurzromane Abschiede und Für ein Grab ohne Namen. Es seien einige Fehler zu beheben gewesen, heißt es im Nachwort, doch die Herausgeber Jürgen Dormagen und Gerhard Poppenberg haben mehr geleistet, als sprachliche Ungenauigkeiten zu korrigieren. Sie haben Onettis Poesie restauriert und erlebbar gemacht und mit der auf mehrere Bände angelegten Werkausgabe ein Projekt begonnen, das die Bedeutung dieses Autors in der Wahrnehmung deutschsprachiger Leser nachhaltig festigen kann. Anmelden oder registrieren um zu kommentieren | Seite senden | Quelle | Quelle | Druckversion | 170 Abrufe
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