Walter Klier
Santa Maria, lateinamerikanische Provinzstadt, Karikatur eines zu spät entworfenen, vor Fertigstellung bereits ruinösen zweiten, kleinen Europa, Hochburg der Bigotterie, Scheinmoral, Stagnation, des Tratsches, der „stinkenden Welt der Erwachsenen", soll, erstmals in seiner Geschichte, ein Freudenhaus bekommen, und zwar geht das so: Der Apotheker Barthe, klassischer Liberaler, Vertreter der Aufklärung im Stadtrat und mit seinen Anträgen ewig in der Minderheit bleibend, tritt, im Sinne der Volksgesundheit, seit jeher für die Errichtung eines solchen ein.
Ein Kuhhandel wird vorgeschlagen: „In der nächsten Sitzung wird der Rat für Ihr Bordell stimmen; danach stimmen Sie für die Konzession auf die Schauerleute im Hafen, und alle werden glücklich sein . . . Santa Maria wird ein Bordell haben, und die Geschlechtskrankheiten werden zunehmen oder abnehmen. Wir werden die Statistiken auslegen."
Ein schummriger Polit-Deal also, in den der Fortschritts-Apostel, um seine politische Unschuld füchtend, schweren Herzens einstimmt. Larsen, auch Sammler oder Leichensammler genannt (weshalb, wird hier nicht verraten, ebensowenig wie der Ausgang des Unternehmens), bringt drei Frauen von auswärts in die Stadt, in das kleine himmelblau gestrichene Haus an der Küste. Die Stadt hält sich ruhig, wartet ab, holt in der Ermattung der heißen, stillen Nachmittage zum Gegenschlag aus.
So etwa der zentrale Plot dieses vielschichtigen, 1964 erstmals erschienen Romans der nun auf deutsch vorliegt. Der Uruguayer Juan Carlos Onetti exemplifiziert hier, was, andernorts selbstverständlich, in deutschen Landen allzuleicht in Vergessenheit gerät, wo man Formalismus fast schon reflexhaft mit Inhaltsleere gleichsetzt: wie intelligente Romankunst aussehen kann, wie Literatur ganz drastisch, konkret ihren Ort findet, indem sie ihn erfindet, auf diesen Ort zutrifft und zugleich ihr unverwechselbares, die Fakten transzendierendes poetisches Universum schafft, kurz, wie einer es fertigbringt, Faulkner auf seine besondere Situation anzuwenden, die großen Konzepte der modernen Literatur weiter zu entwickeln und zugleich, Hinweis auf die unmittelbare Relevanz des Geschriebenen, von der Regierung seines Landes eingesperrt und außer Landes verbracht zu werden; so geschehen 1975.
Da mutet es versponnen an, wenn Jörg Drews in seiner – im übrigen sehr lesenswerten – kurzen Einführung in das Werk Onettis (Merkur 8/1986) alles daranzusetzen scheint, um „das Politische" aus diesem Werk herauszuargumentieren, auf daß nichts als die reine, finstere, existentialistische Poesie herrsche (das tut sie außerdem, und nicht zu knapp). Das impliziert einen Begriff vom politischen Schriftsteller als jemandem, der dauernd verbissene Resolutionen unterschreibt und anklagende Romane in realistischer Manier über das Schicksal der Schlachthaus- oder Atomfabrikarbeiter produziert (wovon unsere Literatur auch mehr vertragen könnte). Der wütende, an der Grenze zur finalen Verzweiflung balancierende, alles Dargestellte gleichermaßen durchdringende Sarkasmus, mit dem Onetti seine Welt vorführt, ist ja nur für uns, jenseits des Atlantiks in sicherem Abstand von der gemeinten Wirklichkeit, als rein literarisch, auch exotisch zu interpretieren und also unsrem sensiblen Bewußtsein zumutbar.
Unmöglich, hier in Kürze die Besonderheit von Onettis Still und die Topographie seiner Roman-Welt zu charakterisieren; Faulkner kann, wie gesagt, als Vergleichsgröße dienen, an ihn erinnert auch das Drastische mancher Erzählelemente, Onetti geht aber (ähnlich den nouveau romanciers) weiter in der Zersetzung der angenommenen Realität; der unbewußte Versuch des Lesers, ein kohärentes Raum-Zeit-Gebilde hinter dem Text herzustellen, mißlingt; die resultierende Wahrnehmungs-Unschärfe kennt jeder aus eigenen Versuchen, im Reden ein Vergangenes zu rekonstruieren. Am Ende ist das ein löchriges Netz oder ein Puzzle, dessen Teile, obwohl als einzelne scharf und klar, nicht ineinanderpassen.
Juan Carlos Onetti: Leichensammler. Roman, aus dem Spanischen und mit einem Nachwon von Anneliese Botond. Suhrkamp