Juan Carlos Onetti
1
Im ersten Augenblick glaubten wir drei, den Mann für immer zu kennen, Richtung Vergangenheit und Zukunft. Wir tranken gerade ein laues Bier, bei Anbruch einer Spätsommernacht, auf der Terrasse des Universal. Um die Platanen herum begann die Luft zu wirbeln, und vom her Fluss drohten prahlerische Donner.
„Seht“ murmelte Guiñazú, sich in den Eisenstuhl zurücklehnend. „Schaut, aber schaut nicht zu auffällig. Schaut zumindest nicht begierig, und seid auf jeden Fall vorsichtig genug um zu misstrauen. Wenn wir gleichgültig schauen, ist es möglich, dass es andauert, dass sie sich nicht auflösen, dass der Moment kommt und sie sich setzen, um etwas zu bestellen, zu trinken, tatsächlich zu existieren.“
Wir waren verschwitzt und verzaubert, schauten zu dem Tisch gegenüber der Tür des Cafés. Das Mädchen war klein und vollendet; es trug ein Kleid, offen über der Brust, dem Magen und einem Oberschenkel. Sie schien sehr jung und dazu entschlossen, glücklich zu sein, sie konnte ihr Lächeln nicht schließen. Ich wettete darauf, dass sie ein gutes Herz hatte und sagte ihr einige Traurigkeiten voraus. Mit einer Zigarette im Mund, sehnsüchtig und groß, eine Hand in den Haaren, hielt sie direkt am Tisch inne und schaute sich um.
„Gehen wir davon aus, dass alles in Ordnung ist“ sagte der alte Lanza. „Zu nahe der Perfektion, um eine Zwergin zu sein, zu sicher und verführerisch für ein verkleidetes Kind. Sie schaute bis zu uns, vielleicht blendet sie das Licht. Aber was zählt sind die Absichten.“
„Schaut nur weiter“ erlaubte Guiñazú, „aber sprecht noch nicht. Vielleicht sind sie so, wie wir sie sehen, vielleicht stimmte es, dass sie in Santa María sind.“
Der Mann hatte viele Facetten, und sie stimmten, unruhig und veränderlich, in der Absicht überein, ihn lebendig, stark, unverwechselbar zu bewahren. Er war jung, schlank, sehr groß; er war schüchtern und anmaßend, dramatisch und fröhlich.
Unentschlossenheit der Frau; dann machte sie eine verächtliche Handbewegung, die den Tischen auf dem Gehsteig und den dort sitzenden Leuten galt, dem Gezeter des Gewitters, dem Planet ohne Schönheit und Überraschungen, den sie gerade betreten hatte. Er tat einen Schritt, um dem Mädchen einen Stuhl zu geben und ihr zu helfen sich zu setzen. Er lächelte, um sie zu grüßen, er streichelte ihr Haar und dann die Hände, während er sich langsam niederließ, bis er mit den grauen Hosen, sehr eng an den Waden und Knöcheln, den eigenen Stuhl berührte. Mit dem gleichen Lächeln wie für das Mädchen, das nachzuahmen er ihr beigebracht hatte, drehte er sich um, um den Kellner zu rufen.
„Eben ist ein Tropfen gefallen“ sagte Guiñazú. „Der Regen hat seit dem Morgengrauen gedroht und wird in genau diesem Augenblick beginnen. Er wird löschen, auflösen, was wir gerade sahen und beinahe begannen zu akzeptieren. Niemand wird uns glauben wollen.“
Der Mann hatte seinen Kopf einen Weile zu uns gedreht, vielleicht blickte er zu uns. Mit dem dunklen und glänzenden Scheitel, der seine Stirn verkleinerte, mit dem seltsamen grauen Flanellanzug, an den der Schneider eine kleine harte Rose gesteckt hatte, mit seiner aufmerksamen und hoffnungsfrohen Lässigkeit, mit einer Freundschaft für's Leben älter als er.
„Es kann sein“ sagte Guiñazú, „dass die anderen Einwohner von Santa María sie sehen und misstrauen, oder wenigsten Angst und Hass empfinden, noch bevor es der Regen schafft, sie auszulöschen. Möglicherweise kommt jemand vorbei und findet sie seltsam und zu herrlich und glücklich und schlägt Alarm.“
Als der Kellner kam, brauchten sie Zeit um sich zu entschließen. Der Mann streichelte die Arme des Mädchens, machte mit Geduld Vorschläge, Herr der Zeit und diese mit ihr teilend. Er beugte sich über den Tisch, um ihr die Lider zu küssen.
„Jetzt lassen wir das Hinschauen“ sagte Guiñazú.
Ich hörte den Atmen des alten Lanza, das Husten nach jedem Zug an der Zigarette.
„Klug wäre, sie zu vergessen, niemandem Rechnung ablegen zu können.“
Es begann in Strömen zu regnen und wir erinnern uns, das Donnern über dem Fluss nicht mehr gehört zu haben. Der Mann zog sein Jackett aus und legte es dem Mädchen über die Schulter, fast ohne sich bewegen zu müssen, ohne aufzuhören sie zu vergöttern und ihr durch das Lächeln zu sagen, dass zu leben das einzig mögliche Glück ist. Sie zog am Revers und betrachtete vergnügt die dunklen Flecken, die sich schnell auf dem gelben Seidenhemd ausbreiteten, das der Mann dem Platzregen ausgesetzt hatte.
Das Licht des U von Universal schimmerte in der Feuchtigkeit des steifen und winzigen Röschens, das das Knopfloch des Jacketts dehnte. Ohne aufzuhören, ihren Mann anzuschauen –ich hatte gerade die Ringe an den auf dem Tisch vereinten Händen entdeckt– beugte sie den Kopf, um mit der Nase die Blume zu streifen.
Im Eingang, wohin wir uns geflüchtet hatten, hörte Lanza auf zu husten und machte eine Witz über den Rosenkavallier. Wir lachten, durch das Prasseln des Regens von dem Paar getrennt, in dem Glauben, der Satz eigne sich, um den Jungen zu definieren, und dass wir schon anfingen, ihn zu kennen.
2
Alles was wir über sie erfuhren, interessierte mich nicht, bis ungefähr einen Monat später, als sich das Paar in Las Casuarinas einquartierte.
Wir wussten, dass sie bei dem Fest im Club Progreso gewesen waren, aber nicht, wer sie eingeladen hatte. Einer von uns das Mädchen beobachtend, die ganze Nacht tanzend, klein und weiß gekleidet, ohne je zu vergessen, wenn sie sich der langen und dunklen Bar näherte, an der sich ihr Mann mit den ältesten und bedeutendsten Mitgliedern unterhielt, ohne zu vergessen ihn mit einem so zärtlichen, so spontanen und klaren Aufleuchten anzulächeln, dass es unmöglich war, ihr nicht zu verzeihen.
Er hingegen, schmachtend und groß, schmachtend und begeistert, nochmals schmachtend und mit dem Privileg der Allgegenwart, tanzte nur mit den Frauen, die mit ihm –obwohl sie es nicht taten– über das Unverständnis der Männer sprechen konnten, den Eigensinn der Kinder, über andere Feste mit Walzern, onesteps und dem letzten Takt, mit Limonaden und gestreckten clericots.
Er tanzte nur mit ihnen und war nur einige Sekunden lang bereit, den großen schwarzgekleideten Körper, den schönen Kopf, das Lächeln ohne Vergangeheit und Absichten, das Vertrauen in das unsterbliche Glück, über Töchter und unverheiratete Frauen zu neigen. Und dies mit höflicher Zerstreutheit, nebenbei. Sie, die Jungfrauen und die jungverheirateten Gemahlinen von Santa María –berichtet der Beobachter–, die gemäß dem knappen weiblichen Wortschatz noch nicht zu leben begonnen hatten, und jene, welche vorzeitg aufgehört hatten es zu tun und verlegen den Groll und den Betrug wiederkäuten, schienen zu nichts anderem hier zu sein als ihm, ohne Bedarf, eine Brücke zwischen den erwachsenen Frauen und Männern zu bereiten, zwischen der Tanzfläche und den unbequemen Hockern der Bar im Halbschatten, wo man mit Gemächlichkeit trank und über Wolle und Weizen sprach. Berichtet der Beobachter.
Sie tanzten das letzte Stück gemeinsam und logen hartnäckig und einmütig, um sich von den Einladungen zum Essen zu befreien. Er beugte sich geduldig und bescheiden über alte Hände, die er drückte ohne sich zu trauen sie zu küssen. Er war jung, schlank, stark; er war alles was zu sein ihm in den Sinn kam, und er beging keine Fehler.
Während des Abendessens fragte niemand, wer sie waren und wer sie eingeladen hatte. Eine Frau wartet eine Gesprächspause ab, um an den Blumestrauß zu erinnern, den das Mädchen an der linken Seite des weißen Kleides getragen hatte. Die Frau sprach mit Bedachtsamkeit, ohne Stellungnahme, nannte lediglich den mit einer goldenen Klammer am Kleid befestigten Strauß paradiesischer Blumen. Vielleicht von einem Baum gepflückt in irgendeiner verlassenen Straße oder im Garten der Pension, der Wohnung oder des Loches in unmittelbarer Nähe des Viktoria, wo sie während der Tage gewohnt hatten und das keiner von uns hatte entdecken können.
3
Fast jede Nacht, im Berna oder im Universal, sprachen wir von ihnen, Lanza, Guiñazú und ich, wenn Lanza die Korrektur der Zeitungsdruckfahnen beendete und zu uns kam, langsam, gütig, todgeweiht, über die Sonnenflecken, die ohne Wind von den Bäumen gefallen waren.
Es war ein schwüler Sommer und ich war damals am Rande der Rettung, nahe daran zu akzeptieren, dass das Alter begonnen hatte; aber noch nicht. Ich traf mich mit Guiñazú und wir sprachen über die Stadt und ihre Veränderungen, über Testamentsvollstreckungen und Krankheiten, über Trockenheiten, Seitensprünge, über die entsetzliche Schnelligkeit mit der sich die Zahl der Unbekannten vermehrte. Ich erwartete das Alter, und Guiñazú erwartete vielleicht den Reichtum. Aber in der veränderlichen Stunde, in der Lanza den El Liberal verließ, sprachen wir nicht über das Paar. Er kam hinkend und dünner, hörte auf zu husten und den Direktor und die ganze Malabia-Sippe zu beschimpfen, bestellte einen Kaffee als Aperitiv und säuberte sein schmutziges Taschentuch an der Brille. Zu jener Zeit achtete und hörte ich mehr auf Lanza denn auf Guiñazú, ich versuchte zu lernen, wie man alt wird. Aber es nützte nicht; dies und zwei oder drei andere Dinge lassen sich nicht von anderen übernehmen.
Jemand, einer von uns, erwähnte das Paar, und wir anderen trugen dazu bei, was wir konnten, ohne uns darum zu sorgen, ob es viel war oder wenig, wie echte Freunde.
„Sie tanzen, es sind Tänzer, das lässt sich bestätigen, man kann unmöglich etwas anderes behaupten, sofern wir geschworen haben, nur die Wahrheit zu sagen, um die Wahrheit zu entdecken oder zu erschaffen. Aber wir haben nicht geschworen. So dass die Lügen, die jeder von uns einbringen kann, nützlich und willkommen sein werden, immer vorausgesetzt sie stammen aus erster Hand und stimmen mit der Wahrheit überein, die wir erahnen. Das Plaza ist nicht mehr modern und luxuriös genug für sie. Ich spreche von den Fremden im allgemeinen, und es freut mich, das dem so ist. Was die anbelangt, sie kamen mit der Fähre und gingen direkt zum Viktoria, zwei Zimmer mit Bad, Halbpension. Wir können sie uns vorstellen, Arm in Arm an der Reling, seitdem das Schiff begann sich gegen den Strom in der Mitte des Flusses zu stemmen und Richtung Santa María drehte, wie sie mit Interesse und Abneigung schauen, sich gegen die Gefahr der Verachtung und des Optimismus verteidigen. Sie ermaßen jeden Meter der mehr als einstöckigen Gebäude, berechneten die Ausmaße des Geschäftviertels, sahen die schwachen und versteckten Flecken voraus, beurteilten die Intensität eines unserer Sommer-Mittage. Er mit dem linken Arm fast die Gesamtheit des Körpers der nachdenklichen Zwergin schützend und sie wie ein nachdenkliches Kind zu uns schauend, an den Blättern der Rosen knabbernd, die er ihr am Kai von Salto gekauft hatte. Später, wie sie den Weg Richtung Viktoria einschlagen, im Auto, dem neuestens Modell, das sie in der lärmdenden Reihe der Landungsbrücke finden konnten; eine Stunde darauf gefolgt von dem mit Koffern und einem Käfig beladenen Wagen. Sie hatten einen Brief für den Dicken dabei, Latorres schnöseligen Urenkel; und es ist unvermeidlich, dass sie seit dem Nachmittag des ersten Tages wussten, dass wir ihn nicht kannten, dass wir kein Interesse hatten, dass wir versuchten ihn zu vergessen und vom Mythos Latorre zu trennen, den nostalgische, schicksalslose Männern dreier Generationen mit Ungeduld, Einfalt und Bosheit errichtet hatten. Auf jeden Fall erfuhren sie, dass der Urenkel in Europa war. „Macht nicht's“ sagte er, der Junge, mit seinem schnellen und treffenden Lachen. „Ist ein sympathischer Ort, hier können wir eine Weile bleiben.“
So dass sie also blieben, wenn es auch nicht mehr das Viktoria sein konnte. Sie verließen die zwei Zimmer mit Bad, versteckten sich erfolgreich und wir konnten sie nur während der einzigen und nächtlichen Mahlzeit sehen, im Plaza oder im Berna oder in einem der sehr viel malerischeren und billigeren Restaurants an der Küste. Eine Woche oder zehn Tage, bis zu dem Fest im Club Progreso. Und gleich darauf eine Unterbrechung, in der wir dachten, sie für immer verloren zu haben, in der wir mit etwas Einfallsreichtum ihre Ankunft in irgend einer anderen Stadt an der Küste beschrieben, vertrauensvoll, und ein wenig selbstgefällig, ein wenig missvergnügt angesichts der monotonen Regelmäßigkeit ihre Erfolge, um weiterhin Das Leben wird immer wunderbar sein oder die Farce der perfekten Liebe vorzuführen. Aber nie einigten wir uns auf den Namen des Empresarios, und ich mühte mich, allen zotigen Theorien eine theologische Version entgegenzusetzen, nicht absurder als das Ende dieser Geschichte.
Die Unterbrechung endete als wir erfuhren, dass sie in einem der rotbedachten Strandhäuschen wohnten, zumindest schliefen, einem des Dutzends, das Specht –zu dem von ihm gewünschten Preis, bar– dem alten Petrus abgekauft hatte, als der Stillstand der Werft begann und wir Nostalgiker sagten, dass auf den Gleisen keine Lokomotiven mehr fahren würden, die sich auf halbem Weg, einem Viertel und einem Viertel, zwischen El Rosario und Puerto Astillero entgegengekommen waren.
Sie schliefen in dem Häuschen der Villa Petrus, von Mitternacht bis neun Uhr morgens. Spechts Fahrer –Specht war damals Präsident des Club Prgreso– brachte sie und nahm sie mit. Wir erfuhren nie, wo sie frühstückten. Aber die drei anderen Mahlzeiten nahmen sie bei den Spechts ein, gegenüber des alten, runden Platzes, Brausen-Platz oder Gründer-Platz.
Bekannt ist auch, dass sie nie einen Mietvertrag bezüglich des Strandhauses unterzeichneten. Specht war weder daran gelegen, von seinen Gästen zu sprechen, noch wich er dem Thema aus. Im Club bestätigte er:
„Ja, sie besuchen uns jeden Tag. Sie unterhalten sie. Wir haben doch keine Kinder.“
Wir dachten, dass Señora Specht, sofern sie sprechen wollte, uns den Schlüssel zu dem Paar geben, Definitionen und Adjektive vorschlagen könnte. Was wir erfanden, überzeugte uns nicht. Sie waren, er und sie, zu jung, furchtsam und glücklich, als dass der Preis und die Zukunft in dem bestünde, was man Hausangestellten bietet: Haus, Essen und etwas Taschengeld, zu dessen Annahme Señora Specht sie verpflichten würde, ohne dass sie es erbeten hätten.
Vielleicht dauerte diese Spanne so um die zwanzig Tage. In dieser Zeit wurde der Sommer vom Herbst eingeholt, er erlaubte ihm einige gläserne Himmel während der Dämmerung, ruhige und strenge Nachmittage, auf den Straßen flache und gefärbte Blätter.
Während dieser zwanzig Tage kamen der Junge und die Kleine jeden Morgen um Neun in die Stadt, in Spechts Auto von der Kühle des Strandes in den nachzüglerischen Sommer auf dem alten Platz gebracht. Wir konnten sie –ich hatte keine Mühe– den Fahrer anlächeln sehen, den Geruch des Leders im Auto, die Straßen und die kleinmütige morgendliche Hektik; die Bäume auf dem Platz und die, welche hinter den Mauern erschienen, das Eisen und den Marmor des Hauseingangs, das Zimmermädchen, Señora Sprecht. Später, den ganzen Tag, lächelnd, das gleiche Lächeln der Verbrüderung mit der Welt, weniger rein und überzeugend das ihrige, von kaum falschem Ausmaß und Glanz. Und trotz allem nützlich vom Morgen bis zur Rückehr, sich Aufgaben erfindend, Möbel reparieren, die Tasten des Klaviers abstauben, in der Küche eines der Rezepte zubereiten, dass er auswenig wusste oder improvisierte. Und vor allem waren sie nützlich, indem sie die Kleidung und die Einrichtung der Señora Specht änderten und anschließend die Änderung mit unaufdringlicher und nachvollziehbarer Bewunderung feierten. Sie waren nützlich, indem sie die Abende verlängerten bis zu Spechts erstem Gähnen, mit ihm in illusionlosen und unsterblichen Gemeinplätzen übereinstimmten, oder sich darauf beschränkten, mit Begierde autobiografischen Großtaten zu lauschen. (Sie nicht ganz, klar; sie flüsterte im Duo mit Señora Specht die schlichte Hintergrundmusik –Moden, Kompotte, Unglücke– welche zu den epischen Themen männlicher Unterhaltung passt.)
„Nicht Rosenkavallier“ schlug Lanza vor, „sondern chevalier servant. Ohne Geringschätzung gesagt, wahrscheinlich, das wird sich zeigen.“
Man erfuhr, dass Specht sie rauswarf, gewaltlos, am Morgen nach einem Fest in seinem Haus. Wie immer kam der Fahrer an diesem Sonntag um Neun zum Strandhaus. Aber anstatt sie abzuholen gab er einen Brief ab, vier oder fünf definitive Zeilen, ohne Eile geschrieben, klare Buchstaben, wie man sie in frühen Morgenstunden zeichnet. Er warf sie heraus, weil sie sich betrunken hatten; weil er den Jungen Señora Specht umarmend angetroffen hatte; weil sie ein Silberbesteck mit Gravuren der schweizer Kantonswappen stahlen; weil das Kleid der Kleinen an einem Busen und einem Knie unzüchtig war; weil sie am Ende des Festes gemeinsam wie Matrosen tanzten, wie Clowns, wie Schwarze, wie Huren.
Die letzte Version konnte sich für Lanza bewahrheiten. Eines Morgens, nach der Zeitung und dem Berna, sah er sie in einem der kleinen Cafés in der Calle Caseros. Eine heiße und schwüle Nacht näherte sich dem Ende, und die Tür des Ladens war offen, ohne den zotteligen Vorhang, ohne Versprechungen noch Fallen. Er bleib stehen um sich lustig zu machen und eine Zigarete anzuzünden und sah sie, allein auf der Tanzfläche, umgeben von der gemischten Faszination der wenigen Leute, die noch an den Tischen waren, irgendetwas tanzend, ein Poltern, ein Taumel, ein Vorspiel der Vereinigung.
„Denn das hätte, da bin ich mir sicher, eine Bezeichnung die nichts weiter wäre als eine Beschönigung. Und das war auch nicht mehr als ein Stammestanz, ein Verlobungstanz, ein Drehen und Innehalten mit der die Verlobte den Mann umkreist und lockt, ein Versprechen, das man unterbricht um das Verlangen anzustacheln. Nur dass hier sie es war, die sich gehen ließ, ein bißchen ungelenk, mit eingeschränkten Bewegungen, über den Boden schlurfend, ohne die Füße zu heben, den kleinen und vollen Körper hin und herbewegend, den Mann verfolgend, mit geduldigem leuchtenden Lächeln, die Handflächen erhoben um sich zu schützen und zu flehen. Und er war es, der tanzend umkreiste, sich beim Entfernen und Nähern die Hüfte verrenkte, mit Gesicht und Füßen versprach und berichtigte. Sie tanzten so, weil da die anderen waren, aber sie tanzten nur für sich, im Geheimen, geschützt vor jeglicher Einmischung. Der Junge trug das Hemd bis zum Nabel geöffnet; und wir alle konnten sehen wir er glücklich war zu schwitzen, ein bißchen angetrunken und in Trance, das Behagen betrachtet zu werden und sich Hoffnung zu machen.
4
Dann, zum ersten Mal und wie vorhergeagt, mussten sie sich uns nähern. Mitten an einem Vormittag kam der Mann in die Kanzlei von Guiñazú, frisch gebadet und nach Kölnischwasser duftend, sich einen längs gefaltenten Fünzig-Peso-Schein um die Fingern wickelnd.
„Ich kan nicht mehr bezahlen, zumindest nicht auf die Hand. Sagen Sie mir, ob es reicht als Preis für eine Auskunft.“
„Ich bat ihn Platz zu nehmen, während ich an euch dachte, unsicher, ob es er war. Ich lehnte mich in den Sessel zurück und bot ihm einen Kaffee an, ohne ihm zu antworten, um Erlaubnis bittend, einige Schriftstücke abzuzeichnen. Aber als ich spürte, dass sich meine grundlose Antipathie nicht aufrechterhalten ließ und durch Neugier und eine fast unpersönlichen Form von Neid ersetzt wurde; als ich zugab, dass das, was jeder andere Anmaßung oder Dreistigkeit genannt hätte, etwas anderes, außergewöhnliches, der Seltenheit wegen geradezu Magisches sein könnte, wurde mir klar, zweifelsfrei, dass mein Besucher der Kerl mit dem gelben Hemd und dem Röschen im Knopfloch war, den wir in jener regnerischen Nacht auf der Terrasse des Universal gesehen hatten. Was ich sagen will: obwohl ich nach Abneigung rang – ein Mann von Geburt an überzeugt, dass es einzig darauf ankommt zu leben, und folglich davon überzeugt, dass alles, was zu leben ihm ansteht, wichtig und gut und des Empfindens würdig ist . Ich sagte ihm ja, dass ich ihm für fünfzig Peso, Freundschaftspreis, im Laufe von Monaten würde sagen können, welche Strafe ihm erlaubt war, von den Gesetzbüchern, Staatsanwälten und Richtern zu erwarten. Und dass man Versuche unternehmen könnte, damit sich die Strafe nicht vollzöge. Ich wollte ihm zuhören, und vor allem wollte ich ihm den grünen Schein abluchsen, den er zertreut zwischen den Fingern verwickelte, als wäre er sicher, dass es bei mir genügte ihn gezeigt zu haben.
Er faltete den Schein schließlich auseinander und legte ihn auf den Schreibtisch; ich verwahrte ihn in meiner Mappe, und wir sprachen einen Moment über Santa María, Aussichten und Klima. Er erzählte mir eine Geschichte über den Brief, den er für Latorre mitgebracht hatte und er fragte mich, ob es ihm möglich wäre, weiterhin in dem Bungalow am Strand zu wohnen –er und sie, so jung und in Erwartung eines Kindes–, trotz des Zerwürfnisses mit Specht, auch wenn nichts anderes vorlag als das, was er einen mündlichen Mietvertrag nannte.
Ich überlegte einen Augenblick und entschloss mich ja zu sagen; erklärte ihm langsam, welches seine Rechte waren, indem ich Zahlen und Daten von Gesetzen zitierte, Anekdoten, die den Anschein von Jurisprudenz erweckten. Ich riet ihm, im Gericht eine angemessene Summe als Miete zu hinterlegen und zwecks Vervollständigung des bestehenden Vertrags, mündlich und tatsächlich, Specht vorzuladen.
Ich sah, dass ihm diese Worte gefielen; er nickte zustimmend, mit halbem, vergnügtem Lächeln, als höre er seine Lieblingsmusik, entfernt, gut gepielt. Er bat mich, mit dem Selbstvorwurf, nicht alles verstanden zu haben, zwei oder drei Sätze zu wiederholen. Sonst nichts, er zeigte keine echte Begeisterung oder Erleichterung, leider. Denn als ich die Unterbrechung beendete und ihm mit schläfriger Stimme sagte, dass zwar alles Vorherige genau der Theorie des in diesem Falle anzuwendenden Gesetzes entsprach, dass aber in der schmutzigen Praxis von Santa María ein Anruf von Specht beim Chef des Kommisariats ausreichte, damit dieser ihn und die junge Dame, die ein Kind erwarte, vom Bungalow an irgendeinen Ort zwei Meilen jenseits der Grenzen von Santa María bringe – da begann er zu lachen und schaute mich an, als wäre ich sein Freund und hätte gerade einen unvergesslichen Witz gemacht. Er schien so begeistert, dass ich die Brieftasche nahm, um ihm die fünfzig Peseos zurückzugeben. Aber er fiel nicht darauf hinein. Er zog aus der vorderen Hosentasche eine kleine Uhr aus Gold, die man vor Zeiten châtelain genannt hatte, brachte Bedauern über Verpflichtungen und die Ungewissheit darüber zum Ausdruck, ob sich dieses Geschäftsgespräch eines Tages in ein Gespräch wahrer Freundschaft verwandeln könnte. Ich drückte ihm kräftig die Hand, ahnend, dass ich in seiner Schuld stand, in einer Angelegenheit von größerer Bedeutung als den fünzig Pesos, um die ich ihn gerade betrogen hatte.
5
Dann verschwanden sie, man sah sie Samstags unter den Reisenden im Club Comercial, wieder wusste man nichts von ihnen, und plötzlich tauchten sie auf, als Bewohner von Las Casuarinas.
Sehr nahe bei uns, diesmal, und am Rande des Skandals. Denn Guiñazú war der Anwalt von Doña Mina Fraga, der Besitzerin von Las Casuarinas; ich besuchte sie, als Doktor Ramírez nicht in Santa María war, und Lanza hatte im vorausgegangen Winter einen Nachruf mit dem Titel Doña Herminia Fraga ausgefeilt, genau sieben Zentimeter einer Spalte, der klagend, wenn auch doppeldeutig, vornehmlich auf die Siedlertugenden des verstorbenen Vaters von Doña Mina anspielte.
Am Rande eines Skandals, weil sich Doña Mina zwischen Pubertät und dem zwanzigsten Lebensjahr dreimal davon gemacht hatte. Mit einem Landarbeiter des Gutes; Fraga brachte sie mit Peitschenhieben zurück, der Legende zufolge, welche den Tod des Verführers, sein heimliches Begräbnis und eine finanzielle Übereinkunft mit dem Kommisar von 1911 anfügt. Nicht mit sondern hinter dem Zauberer eines Zirkuses, der seiner Berufung und seiner Frau entsprechend glücklich war. Die Polizei brachte sie zurück, auf Ersuchen des Zauberers. Mit einem Tiermedizinverkäufer, während der Tage der Beinahe-Revolution von '16, ein schnauzbärtiger und eitler Mann, der überzeugt war, mit Fraga gute Geschäfte gemacht zu haben. Es war ihre längste Abwesenheit und sie kam zurück ohne gerufen oder gebracht worden zu sein.
Während dieser Zeit war Fraga dabei, Las Cauarianas fertigzustellen, eine großes Haus in der Stadt, als Mitgift für seine Tochter oder weil er es leid war, auf dem Gut zu wohnen. Man sprach damals von einer religiösen Krise der Tochter, von ihrem Eintritt in ein Stift und von einem unwahrscheinlichen Priester, der sich weigerte, den Plan zu verwirklichen, weil er nicht an die Aufrichtigkeit von Doña Mina glaubte. Sicher ist, dass Fraga, der ohne Prahlerei daran erinnerte, nie eine Kirche betreten zu haben, vor der Fertigstellung des Hauses eine Kapelle in Las Casurianas errichten ließ. Und als Fraga starb, vermietete das Mädchen das Gut und die geerbten Ländereien zu höchsten Preisen, richtete sich in Las Casuarinas ein und verwandelte die Kapelle in Zimmer für Gäste oder Gärtner. Im Laufe von vierzig Jahren gelangte sie von einem Namen zum anderen, von Herminia zu Doña Herminita und Doña Mina. Sie endete im Alter, der Einsamkeit und Arteriosklerose, weder gebrochen noch wehmütig.
Dort also waren die vom Himmel eines gewittrigen Nachmittages auf uns gefallenen Liebenden. Wie für immer in der Kapelle von Las Casuarinas eingerichtet, jetzt Tag und Nacht, unter besten Bedingungen in Bezug auf Ausstattung, Publikum und Kasse, das Werk wiederholend, dessen Generalprobe sie im Hause von Specht absolviert hatten.
Las Casuarinas ist ziemlich weit von der Stadt abgelegen, Richtung Norden, über dem Weg, der an die Küste führt. Dort sah sie eines Sonntagmorgens Ferragut, der mit Guiñazú assoziierte Notar. Die drei und den Hund.
„Es hatte während der Dämmerung geregnet; einige Stunden Wasser und Wind. So dass um Neun die Luft rein und die Erde ein wenig feucht, gefärbt und duftig war. Ich ließ das Auto am oberen Wegabschnitt und sah sie fast augenblicklich, wie eines dieser kleinen Bilder mit breitem vergoldeten Rahmen, unbeweglich und überraschend, während ich zu ihnen hinunterstieg. Er ganz im Hintergrund, mit blauem Gärtnerkittel, maßgeschneidert, das schwöre ich; auf den Knien vor einem Rosenstock, den er betrachtete ohne ihn zu berühren, mit der erprobten Wirkung den Ameisen und Läusen zulächlend; umgeben, zugunsten des Urhebers des Gemäldes, mit dem ihm anstehenden Beiwerk: Schaufel, Rechen, Schere, Sense. Das Mädchen saß auf einer Gartenliege, mit einem Strohhut, der fast ihre Schultern berührte, mit großem Bauch, die Beine angewinkelt und von einem weiten farbigen Rock bedeckt, eine Zeitschrift lesend. Und direkt neben ihr, in einem Korbstuhl mit Markise, lachte Doña Mina dem morgendlichen Ruhm Gottes entgegen, den wolligen Hund auf dem Rock. Alle waren friedlich und sie waren anmutig; jeder erfüllte unbewusst seine Rolle in dem soeben erschaffenen Paradies von Las Casuarinas. Ich blieb verschüchtert unter dem Holztor stehen, empfand mich als unwürdigen Eindringling; aber die Alte hatte mich rufen lassen und winkte schon und legte die Strin in Falten um mich zu erkennen. Sie hatte sich mit einem Kleid ohne Ärmel und mit großem Ausschnitt verkleidet. Sie stellte mich dem Mädchen vor – ein Töchterchen –, und als der Typ aufhörte den Ameisen zu drohen und sich wiegenden Schrittes näherte, das Lächeln aufsetzend, begann Doña Mina geziert zu lachen, als hätte er ihr ein schlüpfriges Kompliment gemacht. Ricardo hieß der Kerl. Er hatte in der Erde gewühlt und sich die Nägel schmutzig gemacht, und jetzt schaute er sie besorgt an, doch ohne die Hoffnung zu verlieren: Wir werden fast alles retten, Doña Mina. Wie ich Ihnen gesagt hatte, sie waren zu dicht gepflanzt. Aber es macht nichts. Es machte nichts, alles war einfach; trockenen Rosenstöcken wieder Leben einzuhauchen und Wasser in Wein zu verwandeln.“
„Entschuldigung“ sagte Guiñazú, „wusste er, das du der Notar warst, den die Alte gerufen hatte, dass es etwas gibt, was man Testament nennt?“
„Wusste er, bin ich mir sicher. Aber auch das spielte keine Rolle.“
„Er ja, gewiss.“
„Und als die Alte dem Mädchen den röchelnden und triefäugigen Hund gab und blind nach dem Stock griff, um sich zu erheben und mit mir ins Haus zu gehen, tat der Kerl einen Sprung, und beugte sich zu ihr um ihr den Arm zu reichen. Er ging voraus, sehr langsam; er erklärte ihr die Idionsynkrasie, indem er sie erfand, des Unbekannten, der die Rosenstöcke gepflanzt hatte; sie hielt inne und lachte, um ihn zu zwicken, um sich die Augen mit einem Taschentuch zu trocknen. Der Kerl überreichte sie mir am Schreibtisch, sitzend, und bat um Erlaubnis, weiter mit den Ameisen zu sprechen.“
„Gut“ überschlug Guiñazú, mit einem Glas spielend. „Vielleicht hat Santa María· Recht mit der Verurteilung dessen, was in Las Casuarinas abläuft. Aber wenn das Geld, anstatt irgendeinem Verwandtem vom Land dem Amateurgärtner und der Begleitdame und dem ungeborenen Kind zufällt... Wie lange kann die Alte leben?“ fragte er mich.
„Lässt sich nicht sagen. Zwischen zwei Stunden und fünf Jahren, denke ich. Seitdem sie Gäste hat, ist die Diät abgesetzt. Zum Vor- oder Nachteil.“
„Ja“ sagte Guiñazú, „sie können ihr helfen.“ Er wandte sich an Ferragut. „Hat sie viel Geld? Wieviel?“
„Sie hat viel Geld“, sagte Ferragut.
„Danke. Hat sie an diesem Sonntag das Testament geändert?“
„Sie gestand mir, denn sie sprach die ganze Zeit mit Beicht-Tonfall, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich geliebt fühle. Dass die schwangere Zwergin freundlicher zu ihr war als jede denkbare wahrhaftige Tochter, dass der Kerl der beste, liebenswürdigste und verständnisvollste aller Männer war, und dass, sollte der Tod sie jetzt ereilen, sie, Doña Mina, das Glück hätte zu wissen, dass der abstoßende nässende Hund in guten Händen bleiben würde.“
Lanza begann krampfartig zu lachen, verschluckte sich mit traurigen Geräuschen. Er schaute uns ins Gesicht und zündete sich eine Zigarette an.
„Wir haben wenig, um uns zu nähren“ sagte er. „Und alles wird als geeignet ausgewiesen. Aber das ist eine alte Geschichte. Nur das man sie selten, was weiß ich warum, so fehlerlos aufgeführt hat. In dem alten Testament also, sage mir, vermachte sie das Vermögen Priestern oder Verwandten.“
„Verwandten.“
„Und an diesem Morgen änderte sie das Testament.“
„Und an diesem Morgen änderte sie das Testament“ erwiderte Ferragut.
6
Sie lebten in Las Casuarinas, verbannt aus Santa María und der Welt. Aber an einigen Tagen, ein oder zweimal die Woche, kamen sie mit dem klapprigen Chevrolet der Alten in die Stadt zum Einkaufen.
Die ältere Bevölkerung, wir, konnten uns dann die weit zurückliegende und kurze Existenz des Bordells in Erinnerung rufen, die montäglichen Spaziergänge der Frauen. Trotz der Jahre, der Moden und der Volksbefragung blieben die Einwohner der Stadt die gleichen. Unetnschlossen und dünkelhaft, gezwungen Urteile zu fällen um sich zu helfen, immer aus Neid oder Angst urteilend. (Das entscheidende Merkmal dieser Leute ist ihr Mangel an Sponatneität und Freude. Sie können nur laue Freunde hervorbringen, Säufer, Frauen, die nach Sicherheit streben und identisch und austauschbar sind wie Zwillinge, betrogene und einsame Männer. Ich spreche von den Sanmarianern. Vielleicht haben die Reisenden bemerkt, dass menschliche Brüderlichkeit unter erbärmlichen Bedingungen eine erstaunliche und enttäuschende Wahrheit ist.)
Aber die unentschlossene Verachtung, mit der die Einwohner das Paar beobachteten, das ein oder zweimal pro Woche durch die gekehrte und fortschrittliche Stadt lief, war eine ganz andere als die Verachtung, die sie vor Jahren nutzten, um die Schritte zu ermessen, das Innehalten und die Runden der drei Frauen aus dem Häuschen an der Küste, die während einiger Monate montagnachmittags Einkaufen gehen spielten. Denn wir alle wussten ein paar Details über den schmachtenden lächelnden Jungen und die Frau, die gelernt hatte auf den hohen Absätzen den wachsenden Bauch zu balancieren, die über den Platz im Zentrum ging, nach hinten geneigt, den Nacken in die Hand ihrers Mannes gestützt. Wir wussten, dass sie von Doña Minas Geld lebten; und es stand ein für alle mal fest, dass in diesem Fall die Sünde schmutziger und unverzeihli¬cher war. Vielleicht weil es sich um ein Paar und nicht nur um einen Mann handelte, oder weil der Mann dermaßen jung war, oder weil uns die zwei sympathisch waren und so taten, als wüssten sie von nichts.
Aber wir wussten auch, dass Doña Minas Testament geändert worden war; so dass wir, als sie vorbei kamen, der Verachtung ein schüchternes und berechnetes Angebot anfügten – Freundschaft, Verständnis und Toleranz. Man würde schon sehen, wenn es nötig wäre.
Was man als nächstes sah, war die Geburtstagsfeier von Doña Mina. Für uns sah sie Guiñazú.
Man sagte –alte und reiche Frauen, die eingeladen waren und sich entschuldigten, sagten es– dass Doña Mina unmöglich im März Geburtstag haben konnte. Sie boten sogar an, grünliche Photographien zu zeigen, aufbewahrt aus der ansehnlichen Kindheit Doña Minas, auf denen sie den Mittelpunkt einnehmen müsste, das einzige Kind ohne Hut, in dem noch nicht fertigestellten Garten von Las Casuarinas, während eines Geburtstagsfestes, zwischen Kindern mit viereckigen samtigen Mützen, Mänteln mit Revers, Kragen und lederen Litzen.
Aber sie zeigten weder die Photos noch kamen sie. Obwohl es der Junge versprochen, oder zumindestens alles mögliche getan hatte. Er gab Einladungen in Auftrag, auf weichem gelben Papier mit schwarzen geprägten Buchstaben (Lanza korregierte die Druckfah¬nen). Drei oder vier Tage lang zogen sie auf einem wer weiß wie und wo ausgegrabenen Tilbury durch die Straßen der Stadt und über die Wege der Landhäuser. Mit neuen Gummireifen, frisch gestrichen, dunkelgrün und mattschwarz, mit einem riesigen Pferd, statuengleich, dick, hechelend, ein Pflug- oder Arbeitstier, das nun das Paar zog, wild, schäumden, am Rande des Kollapses. Und sie erschienen in der Uniform von Einladungungsüberbringern, ohne Steifheit hinter der Kruppe des Viechs aufgerichtet, mit ihrem vergnügten Zwillingslächlen und der überflüssigen Peitsche.
„Aber sie erreichten nichts, oder sehr wenig“ erzähtelte uns Guiñazú. „Vielleicht, scheint mir, wenn es ihm gelungen wäre, mit jeder einzelnen der Alten, bei denen er hausieren ging, persönlich zu sprechen. Die Wahrheit ist, dass es ihnen an diesem Samstag nicht gelang, auch nur irgend jemanden anzulocken, weder Mann noch Frau, der oder die Anrecht auf Erwähnung in den Klatschspalten des El Liberal hat. Ich kam eher gegen Neun als gegen Acht und es waren schon Leute da, die mit Flaschen in der Dunkelheit des Gartens standen. Lustlos oder in der Hoffnung auf ein baldiges Endes stieg ich die Freitreppe hoch, atmete den Duft der in der Nähe brennenden Holzscheite, hörte die Musik, die von drinnen kam, eine edle Musik, fein und stolz, die weder für mich noch einen der Bewohner des Hauses oder des Gartens geschrieben worden war oder erklang.
In der dunklen Diele erhob sich ein Trampel mit Schürze und Haube vor dem Berg von Damenhüten und mänteln. Ich dachte man habe sie verkleidet und dort postiert, um mit lauter Stimme die Besucher anzukündigen.
Als erstes, zufällig, weil er nahe des Plüsch und Naphtalinvorhangs stand, sah ich den Kerl, den Jungen, den Mann mit der Rose im Knopfloch. Dann durchquerte ich das herausgeputze Durcheinander und begrüßte Doña Mina. Sie passte kaum in den schiefbeinigen, neu gepolsterten Sessel. Unentwegt streichelte sie die Schnauze des stinkendne Hundes. Sie trug Spitze an den Ärmeln und dem Dekolleté. Ich machte ihr zwei Komplimente und wich einen Schritt zurück. Dann schaute ich schnell nach den Augen, ihren und denen der perfekten Zwergin, die auf dem Teppich saß, den Kopf an den Sessel gelehnt. Die der Schwangeren hatten einen Ausdruck dümmlicher Sanftmut, unerschütterlichen körperlichen Glücks.
Die Augen der Alten sahen mich an, sagten mir etwas, überzeugt, dass ich unfähig sei zu entdecken, worum es ging; sie lachten über meine Verständnislosigkeit, und, im voraus, über das, was ich irrtümlich verstehen könnte. Die Augen stellten einen Moment lang ein abschätziges geheimes Einverständnis mit mir her. Als wäre ich ein Kind; als zöge sie sich vor einem Blinden aus. Die immer noch glänzenden Augen, ohne Verzicht, von der Zeit in die Enge getrieben, eine Sekunde lang ihre unpersönliche Rache zwischen Falten und Fetzten aufblitzen lassend.
Der Junge mit der Rose legte noch eine halbe Stunde lang Platten auf. Als er es leid war und sich sicher fühlte, suchte er die schwangere Zwergin, half ihr auf, und sie begannnen mitten im Saal zu tanzen, umringt vom spontanen Rückweichen der übrigen, entschlossen zu leben, mit Freude zu ertragen, von konkreten Hoffnungen abzusehen. Er wiegte sich träge, die Füße auf dem weinfarbenen und durchgelaufenen Teppich; sie noch langsamer, wunderbarerwiese kaum verändert durch den immensen Bauch, der mit jeder Drehung des auswendig gewussten Tanzes wuchs, den sie ohne Fehler, blind und taub zu tanzen verstand.
Und sonst nichts, bis zum Schluss, der bis zur aufgebrachten Errichtung des pflanzlichen Monuments, welches dieser Geschichte Interesse verleiht und ihr den Sinn raubt. Nichts wirklich Interessantes bis zum bunten und ergötzlichen Scheiterhaufen, erdrückend, von unbekannter Absicht, von der Maikälte in drei Tagen verbrannt.
Lanza und Guiñazú hatten sehr viel mehr gesehen als ich, bei zwei oder drei Gelegenheiten waren sie näher als ich ich am trügerischen Puls der Angelegenheit gewesen. Aber mir fiel die unbrauchbare Entschädigung zu, mich um drei Uhr in der Frühe zu Las Casuarinas zu begeben; von dem Jungen in blauer kalter Nacht mit dem gigantesken hechelnden Pferd aufgesucht zu werden; mit zerstreuter Höflichkeit, unbedrohlich, den Mantel gereicht zu bekommen; auf dem Weg –während er wohlwollend das Pferd verfluchte und die Aufmerksamkeit bezüglich der Zügel übertrieb– das Ende vorweggenommen zu bekommen, das wir geahnt und vielleicht gewünscht hatten, einfach weil irgendwas passieren muss.
Der Hintern des schnaufenden Pferdes bewegte sich rythmisch im Mondlicht, das dumpfe Geräusch des Trabs, bereit mich irgenwo hinzubringen. Der Junge blickte auf den verlassenen Weg, in der Hoffnung Gefahren oder Hindernisse zu entdecken, die Hände, unnötigerweise weit vom Körper gehalten, mit dicken alten Handschuhen geschützt.
„Der Tod“ sagte er. Ich betrachtete seine wütenden Zähne; die übertrieben schön geformte Nase; den Ausdruck, der der Herbstnacht, der Kälte, die wir durchquerten, mir, dem, was er im Haus zu erwarten dachte, angemessen war. „Einverstanden. Aber weder die Angst, noch der Respekt, noch das Geheimnis. Der Ekel, die Entrüstung über eine endgültige Ungerechtigkeit, die dafür sorgt, dass mit einem Mal alle vorherigen Ungerechtigkeiten nicht mehr zählen und unverzeihlich werden. Wie schliefen und wurden von der Klingel geweckt; ich hatte ihr eine Klingel neben dem Bett angebracht. Sie versuchte zu lächeln und alles schien gut, auf ihr Geheiß und nach ihrem Willen zu verlaufen, wie immer. Aber ich bin sicher, dass sie uns nicht sah und mit dem ganzen Gesicht auf ein Geräusch, eine Stimme wartete. Über die Decken aufgerichtet, mit dem Wunsch etwas zu hören, was wir ihr nicht sagen konnten. Und da die Stimme nicht erklang, begann sie den Kopf zu bewegen, eine unbekannte Sprache zu erfinden, um mit jedem xbeliebigen zu sprechen, so schnell, dass es unmöglich war sich ihr zu widmen, ohne die Antworten abzuwarten, sich dagegen wehrend unterbrochen zu werden. Ich persönlich glaube, dass sie mit einer Jugendfreundin stritt. Und nach etwa zehn Minuten taumelndem Murmelns wurde offensichtlich, dass die Freundin, fast ein Kind, besiegt war und sie, Doña Mina, für immer in der undurchsichtigen und jasimduftenden Abenddämmerung bleiben würde, bei dem Mann mit den langsamen Lidern, Locken, einem Jacarand·Stock unter den Achseln. Das war zumindest das, was ich verstand, und ich glaube es immer noch. Wir umringten sie mit Flaschen mit warmen Wasser, gaben ihr die Tabletten, ich schirrte das Pferd an und ging Sie holen. Aber es war der Tod. Sie können nichts anderes machen als den Totenschein zu unterschreiben und morgen eine Autopsie zu beantragen. Denn ganz Santa María ist dazu verurteilt zu denken, ich habe sie vergiftet, oder das wir, meine Frau, der Fötus und ich sie vergifteten, um sie zu beerben. Aber Gott sei Dank ist das Leben, wie Sie beweisen werden, wenn sie die Eingeweide öffen, sehr viel komplizierter.“
Die kleine Frau, in Trauerkleidung, als hätte sie die glänzdene schwarze Kleidung in Vorsehung jener Nacht in ihrem Gepäck mitgebracht, hatte direkt neben dem unordentlichen Kopf Doña Minas Kerzen angezündet, hatte am Fußende des Bettes einige vorzeitige und farblose Veilchen verstreut und erwartete uns, den Rücken gekehrt und auf den Knien, das Gesicht in den Händen, auf der weißen billigen, viellecht aus dem Dienstmädchenzimmer geholten Decke.
Sie blieben in dem Haus wohnen, und, wie Lanza im Berna sagte, zu Guinazús Gesicht schielend –in jenen Tagen feiner, verschmitzter, professioneller–, niemand konnte sie rauswerfen, solange das Testament nicht geöffnet wurde und bewiesen wäre, dass jemand das Recht habe, sie rauszuwefen, oder es ihr Recht wäre zu gehen, nachdem sie verkauft hätten. Guiñazú gab ihm recht und lächelte.
„Es eilt nicht. Als Testamentsvollstrecker kann ich drei Monate damit warten, das Dokument dem Gericht vorzulegen. Es sei denn, dass ein Verwandter mit einem begründeten Gesuch auftaucht. Unterdessen wohnen sie weiter in dem Haus; und sie gehören zu jener seltenen Rasse, die überall hinpassen, die die Orte verbessern oder ihnen Sinn verleihen. Wir sind alle damit einverstanden. Ich habe sie jede Woche herunterkommen sehen, zum Einkaufen, wie immer, und man kann sich ausmalen, wie es ihnen gelingt, weiterhin einzukaufen. Aber ich sprach nicht mit ihnen und es gibt keinen Anlass zu Eile. Wahrscheinlich sind sie auf eigene Faust in den großen Salon gezogen und verwandeln ihn in ein Museum, um das Andenken an Doña Mina wachzuhalten. Mir scheint, sie verfügen über genügend Kleider, Hüte, Sonnenschirme und Stiefelchen, um jenes seit dem Paraguay-Krieg bis in unsere Tage vorkämpferische Leben zu veranschaulichen. Und vielleicht haben sie Schachteln mit Briefen, alten Photographien und Bartbinden, Pillen zur Brustvergrößerung, einen Stifthalter aus Marmor und Aphrodisiaka-Ampullen gefunden. Mit diesen Elementen, sofern sie damit umgehen können, bringen sie jeden Beuscher dazu, sich mühelos die Persönlichkeit Doña Minas vorstellen zu können, zu unser aller Stolz, die wir von der Geschichte zur der Ärmlchkeit eines einzigen Helden, Brausen dem Gründer, genötigt werden.
(Aber ich vermutete, dass ihn der Wunsch verlegen machte, die schmutzige Hoffnung, der Junge mit der Rose möge die Kanzlei aufsuchen um die Öffnung des Testaments oder Nachlasses zu erbeten. Dass er es erhoffte, um sich für das wirre Entzücken zu rächen, welches ihm der Junge an jenem Morgen aufzwang, als er ihn besuchte und ihm für nichts fünfzig Pesos zahlte.)
„Nichts drängt uns“ fuhr Guiñazú fort, „und allem Anschein nach drängt niemand sie. Denn für die Sanmarianer blieb die Nacht der Totenwache ohne Einfluss und noch Ursache bezüglich der wortlosen Verwünschung, die vor einem halben Jahrhundert den persönlichen Schmutz Doña Minas von unserem kollektiven Schmutz ausschloss. Seitdem, nach der Trauer, begannen die unauffälligsten von uns, die Feldarbeiter und die Händler, bis hin zu den Familien, die der ersten EinwandererGeneration abstammen, das ungezwungene Paar zu mögen, mit der ganzen Lust, die zu mögen sie hatten. Sie begannen ihre Häuser und unbegrenzte Kredite anzubieten. Natürlich mit dem Testament spekulierend machten sie vorsichtige und gewagte Investitionen mit Ansehen und Waren, setzten auf das Paar. Und außerdem, ich wiederhole es, machten sie das alles mit Liebe. Und sie, die Tänzer, der Rosenkavallier und die schwangere Zwergin aus Liliput, zeigen sich den neuen Umständen gewachsen, genau dieser Flut von Zärtlichkeit, Nachsicht und Schmeichelei, welche die Stadt aufbat, um sie zu anzulocken. Sie kaufen das Unumgängliche um zu essen und glücklich zu sein, sie kaufen weiße Wolle für das Kind und Spezialnahrung für den Hund. Sie bedanken sich für die Einladungen und können sie nicht annehmen, weil sie Trauer tragen. Ich stelle sie mir vor, nachts in dem großen Salon, ohne tanzende Menschen, am Feuer und umgeben von den ersten ungeordneten Stücken des Museums. Um sie hören zu können würde ich dem Kerl mit Freude fünfzig Pesos der Honorare zurückgeben und einen weiteren Schein drauflegen. Um sie zu hören, um zu erfahren wer sie sind, um zu erfahren wer und wie wir für sie sind.
Guiñazú sagte uns kein Wort über das Testament, über die Änderung, die die Alte Ferragut diktiert hatte, bis genau zu dem Augenblick, da er Lust dazu hatte.
An einem heißen Mittag im Herbst hatte er Lust. Er aß mit uns, legte die rotbraune Mappe auf das Fensterbrett im Berna, die er gekauft hatte bevor er sie erhielt, immer glänzend, wie aus dem Leder eines jungen und noch lebendigen Tieres, noch ohne Spuren von Auseinandersetzungen, Gerichtsfluren und transportierten Schweinerein. Er bedeckte sie mit dem Hut und sagte uns, er habe das Testament dabei, um es im Gericht zu hinterlegen.
„Möge sich die menschliche Gerechtigkeit erfüllen“ lachte er. „Ich verbrachte viel Zeit, zerstreute mich damit, mir vorzustellen, welche Klauseln die göttliche Gerechtigkeit diktiert haben könnte. Ich versuchte zu erraten, wie dieses Testament aussehen würde, wenn Gott und nicht Doña Mina es bestimmt hätte. Aber wenn wir an Gott denken, denken wir an uns selbst. Und der Gott, den ich mir vorstellen kann –ich wiederhole, dass ich viel Zeit mit diesem Probelm zugebracht habe– hätte die Dinge nicht besser gemacht, wie man sehr bald sehen wird.“
Wir sahen ihn zum Platz gehen, ihn eilig überquerend, groß und ohne die Schultern einzuziehen, die Mappe an einem Finger baumelnd, überzeugt von dem, was er unter der gelblichen und kräftigen Sonne tat, überzeugt, dass er das zum Gericht trug, was für uns, die Stadt, das Beste war, das, was zu verdienen uns gelungen war.
Wir erfuhren es am nächsten Tag, sehr früh. Wir erfuhren, dass Guiñazú mit dem Richter einen Kaffee mit Cognac trank, eine Zeit lang sprachen sie, wenig, schauten sich an, ernst und seufzend, als wäre Doña Mina soeben gestorben und als ginge ihnen dieser Tod nahe. Der Richter, Canabal, war ein kräftiger Mann, mit kalten hervortretenden Augen, etwas näselnd; ich hatte ihm, etwa übertreibend, Anfang des Jahres verboten Alkohol zu trinken. Er schüttelte über dem Testament den schweren Kopf, löste sich, indem er mit einem Experten-Finger, nur einem, die Seiten durchblätterte. Dann erhob er sich schaufend und begleitete Guiñazú an die Tür.
„Wenn wir auch diese Ernte verlieren wird's heiter“ sagte einer der beiden.
„Und jetzt, da sie den Weizen an Brasilien fast verschenken“ sagte der andere.
Aber bevor sich die Türe schloss, begann Canabal schallend zu lachen, ein Lachen ohne Vorspann, bestehend aus fertigen Salven.
„Der Hund“ brüllte er. „Der Satz, wie abgeklärt und zynisch, in der sie von Liebe und dem Hund spricht. Wie gerne würde ich ihre Gesichter sehen. Und ich glaube, ich werde sie in diesem Büro sehen. Sie glaubten sie im Sack zu haben und jetzt... Der Hund und fünfhundert Pesos!“
Guiñazú trat nocheinmal in das Zimmer und lächelte still. Canabal wischte sich das Gesicht mit einem Taschentuch mit Trauerflor.
„Entschuldigung“ japste er „aber ich habe mein Lebtag, nicht einmal von Winkeladvokaten, etwas so Lachhaftes gesehen. Der Hund und fünfhundert Pesos.“
„Ich dachte das gleiche“ sagte Guiñazú mit Nachsicht. „Und auch Ferragut kann es kaum erwarten, ihre Gesichter zu sehen. Mir kam die Angelegnehit wirklich komisch vor“ – er lächelte weiterhin, trat an das zu der engen, geraden, von der Nässe und der Sonne verschönerten Straße hin geöffnete Fenster, über der ausschweifenden und kindlichen Musik, die von dem Radio– und Schallplattenladen her aufstieg. „Aber wenn man bedenkt, dass die Alte ein Vermögen hinterlässt...“
„Genau deswegen“ sagte Canabal und begann erneut zu lachen.
„Ein Vermögen und ein paar Nichten und Enkelinnnen, die sie vielleicht nie gesehen haben und sie bestimmt verabscheuten, und einige zehntausend Leute, die niemand kennt und die man mit Bekanntmachungen im ganzen Land verfolgen muss... Wenn wir bedenken, Herr Richter, dass das Paar sie pflegte und sie während einiger Monate glücklich machte, und dass sie sicher war –so wie wir es waren, mit keinem anderen Beweis als der schmutzigen Erfahrung–, dass das Paar glaubte sie zu beerben. Wenn wir zugeben, dass die Alte daran dachte, als sie Ferragut rief um zu bestimmen, dass der Junge, die Zwergin und der Fötus als Bezahlung für das soeben Angeführte fünfhundert Pesos erhalten werden, um sich für den Rest ihres Lebens aller finanziellen Engpässe zu entledigen....“
„Aber, Guiñazú...“ sagte der Richter, das herbe und traurige Parfum seines Taschentuches riechend. „Genau deswegen lachte ich, Mensch. Darin besteht der Witz: im Zusammenspiel all der Dinge, die ich aufgezählt habe.“
‚Er hat keine Farbe in den Augen‘, dachte Guiñazú. ‚Nur Glanz und Wölbung; er könnte Stunden verbringen ohne zu blinzeln, mit einem Rosenblättchen, das auf der Hornhaut haftet.‘
„Aber ich finde es nicht mehr lustig“ fuhr Guiñazú fort. „Die Geschichte ist zu komisch, abartig komisch. Also habe ich aufgehört, sie ernst zu nehmen und dem zu misstrauen, was offensichtlich scheint. Denken Sie zum Beispiel, zum Abschied, an den Hund; sagen Sie mir morgen, warum sie ihn ihm hinterließ und nicht den Millionärsnichten.“
Theatralisch schloss er die Tür und hörte dirket im Anschluss das Gelächter von Canabal, die geifernden Fragen, die er sich stellte um weiterzulachen.
Wir erfuhren auch, dass Guiñazú –der sich nicht mehr mit uns im Café und im Berna traf– am Tag darauf Las Casuarinas besuchte. Wir erfuhren, dass er im Garten mit dem Paar Tee trank, dass er die an den Rosensetzlingen gegen Frost und Ameisen angebrachtete Abwehr aus Sackleinen und Draht begutachtete.
Wir erfuhren, als Guiñazú reden wollte, als der Winter kam und Las Casuarinas verlassen war und die Einwohner von Santa María die Kälte und den Hagel vergaßen um über die falsche und unsterbliche Geschichte des Testaments zu reden, wir erfuhren dass Guinazú an jenem nassen Herbstnachmittag die rechtmäßige Übergabe des todgeweihten und diarrhöischen Hundes sowie der fünf Hundert–Peso–Scheine vorwegnahm.
Aber in Wahrheit waren wir schon lange davor gezwungen zu vermuten, dass Guiñazú den Hund und das Geld übergeben hatte. Wir mussten es an jenem Sonntag annehmen, als jemand kam und uns erzählte, dass die Zwergin es sich bequem gemacht hatte, zwischen Stapeln von Koffern und runden Hutschachteln, die Beine gespreizt, um dem elfmonatigen Fötus und dem wolligen triefäugigen Hund Platz zu geben, auf den Stufen Hafens gegenüber der Anlegestelle der Fähre.
Die zweifache Übergabe musste bekannt gewesen sein, seitdem jemand anderes kam um uns zu erzählen, dass der Junge, seit dem Morgengrauen jenes gleichen Tages, von Las Casuarinas kam, auf dem wackligen Sitz des Wagens, einfach so das Pferd schlagend, die Güter entlangfuhr und Blumen kaufte. Er hatte keine speziellen Wünsche, zahlte ohne Diskussion, verstaute die Sträuße unter dem Verdeck, stimmte einem Gläschen Wein zu und stieg wieder auf den Kutschbock. Er betrat und verließ die ungepflasterten Wege, hielt an, um Tore zu öffnen und zu schließen, zwang das Pferd zu galoppieren, unter dem unvollständigen Rund des Mondes, zwischen mageren, fleckigen, unsichtbaren Hunden; er bot Laternen und Misstrauen die Stirn, fühlte sich schließlich schwach und ohne einen Peso, hungrig und müde, des anfänglichen Glaubens und der Errinnerung an irgeneine Absicht beraubt.
Es war Morgen, als das Pferd den Kopf bewegend dirket neben der Mauer des Friedhofs stehenblieb. Der Junge nahm die Hände von den Knien, um sich vor dem ekeligen Geruch der Kilos von Blumen, vom Verdeck zerdrückt, zu schützen, und dachte an Frauen, Tote, Morgendämmerungen, während er auf die Glockenschläge der Kapelle wartete, welche die Tür des Friedhofs öffnen würden.
Vielleicht hat er den Wächter bestochen, mit Lächeln und Versprechen, mit der Erschöpfung und der verblendeten Hoffnungslosigkeit seines Körpers und Gesichts, älter und dicknasiger. Oder vielleicht hat der Wächter gespürt, dass wir –Lanza, Guiñazú und ich– zu wissen glaubten: dass jung stirbt wer zu sehr die Götter liebt. Er muss ihn gerochen haben, unentschlossen, einen Augebnblick vom Duft der Blumen abgelenkt. Er muss ihn kurz mit seinem Stock berührt haben, bis er ihn wiedererkannte und wie einen Freund, einen Gast behandelte.
Denn man ließ ihn herein, mitsamt dem Wagen, gezerrt von den schweißbedeckten Kiefern des Pferdes, bis zu dem Pantheon mit Säulen, einem schwarzen Engel mit geknickten Flügeln und metallischen Daten und Ausrufen.
Denn man sah ihn auf Füßen und Knien auf dem Kutschbock, später auf der tiefen, schwarzen immerfeuchten Erde stehend, auf dem unregelmäßigen und ungestümen Rasen, ohne Unterbrechung die Arme bewegend, keuchend, mit entschlossener und müder Grimmasse, die die Zähne offenlegte, um im Fluge die Schnittblumen vom Wagen in das Grab zu befördern, eine Ladung nach der anderen, ohne ein Blüten- oder Stielblatt zu verlieren, bis er die fünfhundert Pesos zurückgegeben hatte, bis er das vermessene und ungleiche Gebirge angehäuft hatte, welches für ihn und die Verstorbene das zum Ausdruck brachte, was wir nie mit Gewissheit erfahren konnten.