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Requiem für Faulkner: Magischer Vater und MeisterJuan Carlos Onetti Er spielte nie – Schuld vielleicht der Vereinsführung, womöglich der Trainer – bei den ruhmreichen Wanderes, obwohl wir überzeugt sind, dass ihm dieser Name gefallen hätte. Er kümmerte sich nie um das Laos-Problem, geschweige denn um die nächsten Wahlen in Uruguay. Er hinterließ uns nicht seine Meinung über die 45er Generation [1]. Er sagte nichts über den entscheidenden Einfluss der 45er auf die Zukunft der Weltliteratur. Der Verfasser dieser Zeilen wäscht seine Hände in Unschuld, mit der Beteuerung, unbeteiligt zu sein; er gehört zur 44er Generation, von der aus er betrachtet, sich amüsiert und – unvermeidlich – leidet. Der Verstorbene heißt William Faulkner. Die Omnibusse verkeilten sich nicht in den Straßen, die Regierung verordnete keine Tage der Staatstrauer, die Glocken läuteten nicht mit Sanftmut und Schmerz, und wir besinnen uns nicht auf geplante gute Absichten. Jetzt, in genau diesem Moment, wird er steif sein, bekleidet mit einem Frack, mit Medaillen geschmückt, auf die Brust und an das linke Revers gesteckt von unbekannten armseligen Leuten, die nichts von ihm wissen konnten, die sterben werden, ohne den Sinn seines Geruchs zu kennen. Aber diese Erniedrigung – einschließlich der definitiven Erniedrigung zu sterben, auch er – verliert an Bedeutung, wenn wir bedenken, was noch kommen wird: Ein Sturzbach – dem Anschein nach geordnet und weise –, unterschrieben von weltweit angesehenen Kritikern, die Tränen und Korrekturen über einem armen Kerl ausschütten, der mit 64 Jahren auf einer Ranch im Süden der USA starb, ein weißes Blatt Papier verhöhnend, ein Glas Bourbon Whisky neben dem Ellenbogen. Ein Glück, dass Intellektuelle von zweifellosem und erwiesenem Talent unsere Zeitungen leiten. Wäre es ihnen eine große Mühe, ein Lineal zu nehmen und festzustellen, wieviel Platz sie dem Tod, dem Studium eines Genies widmeten, und wieviel dem Spiel Peñarol gegen Nacional? [2] Falls sich einer der Lenker der öffentlichen Meinung überlastet oder müde fühlt: es genügt, uns ein Zeichen zu geben – und er erhält umgehend die Zahlen vom 6. Juli, heute, der Nacht in der wir schreiben. Der schon stinkende Tote war, buchstäblich, einer der größten Künstler des Jahrhunderts. Ein des Englischen und erst recht des Spanischen nicht mächtiger prophezeit, dass vor Ablauf eines halben Jahrhunderts die gesamte gebildete, gut erzogene und gut ernährte Welt einer simplen Binsenweisheit zustimmen wird: Der Reichtum von Faulkners Sprache, seine Beherrschung des Englischen kommen dem gleich, was Shakespeare suchte und erreichte. Guten Willens werden wir G. B. Shaw lauschen, falls ihm in den Sinn kommt, zu diesem Thema seinen Senf abzugeben. Und da wir nun schon von Journalismus und Lesern reden, da wir also, und in gewisser Weise auch Sie, schon verloren haben: Vor einigen Jahren interviewte Malcom Cowly, einer der intelligentesten Kritiker und obendrein US-Amerikaner, einen anderen Verstorbenen, der mehr Verbreitung und Interesse verdiente und erlangte als der Tote des 6. Juli. Er hieß Hemingway, hatte Elefanten, Bären und Löwen gejagt, den Martini Montgomery – 15 zu 1 – erfunden und auch einen hervorragenden Roman, Farewell to arms, geschrieben. Cowly bereite den Boden und fragte schließlich: "Wer ist der wichtigste nordamerikansiche Romancier unserer Zeit?" Hemingway lachte kurz und mischte den Inhalt der Feldflache, die er am Gürtel trug: "Keine Diskussion, keine Frage. Weit, sehr weit vor uns allen steht Faulkner. Mit Freude würde ich aufhören zu schreiben, übertrüge man mir im Gegenzug die Aufgabe, ihn zu managen, ihm 'basta und keine Widerrede' zu sagen. Weil Faulkner nicht perfekt ist, genau deswegen. Er arbeitet weiter, müde und betrunken, wenn die Welt verschwunden ist, wenn Ungewissheit herrscht, ob die Nacht ein Schutzschild bleibt – für ihn – oder der Morgen naht – für alle, für die ungeliebte Arbeit, für die nicht gesuchten Sorgen. Aber wenn ich mich seiner annehmen könnte..." Zahlreich, größtenteils dümmlich, genau wie zu erwarten bei einem schüchternen Mann, der abwechselnd vom Ruhm made in USA beleuchtet und im Schatten der echten, glücklichen Einsamkeit vergessen wurde: die Anekdoten, von denen gewiss viele dieser Tage wieder aufgewärmt wurden. Man möge sich daran erinnern, dass seine Bücher vergriffen waren, als ihm 1950 der Nobelpreis verliehen wurde. Es gab weder Verleger noch Leser, die das Risiko von Neuauflagen erlaubt hätten. Ein Faulkner-Interview von El Europeo, kürzlich in einer hiesigen Zeitung abgedruckt, gibt Anlass für eine Verlängerung dieses Requiems. Denn es liefert die Definition dessen, was wir unter Künstler verstehen: Einen Menschen, fähig zu ertragen, dass die Leute zur Hölle gehen (und, der Definiton wegen: je nahestehender, desto besser), vorausgesetzt, der Geruch von verbranntem Fleisch hindert ihn nicht, an seinem Werk weiterzuarbeiten. Und einen Menschen, der im Grunde, im tiefesten Inneren, seinem Werk keine Bedeutung beimisst. Denn er weiß, kann nicht vergessen – und darin besteht seine Strafe und sein Unterschied – dass alles enden wird wie an diesem 6. Juli, von dem wir berichten, oder an einem beliebigen anderen Tag, den jemand sich die Mühe macht, für uns zu wählen. (Marcha, Montevideo 13. Juli 1962)
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