Stefan Kunzman
Juan Carlos Onettis Gesammelte Erzählungen erscheinen erstmals auf Deutsch
Der uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti ist in Deutschland weitaus weniger bekannt als Gabriel García Marquez, Mario Vargas Llosa oder Julio Cortázar. Dabei gebührt ihm ebenso ein Platz in der Galerie jener großen lateinamerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine bedeutendsten Werke wie Der Schacht (1939), Das kurze Leben (1950) oder Die Werft (1961) entstanden nicht nur vor dem weltweiten ?Boom?, den die lateinamerikanische Literatur in den sechziger Jahren erlebte, sondern beeinflussten eine ganze Schriftstellergeneration maßgeblich.
Onetti, 1909 in Montevideo geboren, pendelte jahrelang zwischen den beiden Metropolen am Rio de la Plata, arbeitete als Journalist und Übersetzer in Buenos Aires und als Direktor der Städtischen Bibliotheken sowie der Nationalkomödie in seiner uruguayischen Heimat. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er im Exil in Madrid, wo er 1994 starb. Nun sind seine Gesammelten Erzählungen auf Deutsch erschienen. Sie umspannen die Jahre von 1941 bis 1993. Onetti veröffentlichte sie in der argentinischen Zeitung La Nación oder in der Zeitschrift La Marcha. Manche von ihnen, rasche Skizzen oder Kurzgeschichten, umfassen nur wenige Seiten.
Zentraler Schauplatz der Geschichten ist jeweils eine Stadt, zunächst noch konkret Buenos Aires. Später dann schuf Onetti mit dem fiktiven Stadtstaat Santa Maria seinen eigenen Mikrokosmos, wie Faulkner. Die Personen, die darin leben, sind gescheiterte Existenzen. Sie verkehren in schäbigen Hotelzimmern oder Bordellen, sind Säufer, Drogenabhängige und Prostituierte - Gestrandete, die nichts mehr vom Leben zu erwarten haben. Nirgendwo mehr einbezogen, angeekelt vom Leben und von ihrer Umwelt. Onettis Verlorene glauben weder an die Liebe noch an irgend einen Ausweg aus dem ?Schacht?, in den sie sich zurückgezogen haben und der ihnen zur tödlichen Falle geworden ist. In der Titelgeschichte heißt es: ?Sie sind an elende Dinge gekettet, und die Dinge sind es, von denen Sie mitgeschleift werden. Das geht nirgendwohin, und Sie wollen es auch nicht wirklich.?
In der ersten Erzählung des Bandes bittet eine Frau einen heruntergekommenen Theaterdirektor, für sie in einer Privatvorstellung eine Szene aufzuführen - eine Traumszene und zugleich einziger Augenblick des Glücks für die Frau. Einziger Fluchtweg aus der Monotonie der ?kleinen täglichen Tode? ist eine Traumwelt - oder ein Kunstwerk. Ein Vergleich Onettis mit Albert Camus liegt nahe. Existentialistisch sind viele seiner Erzählungen und Romane, geprägt von einem abgrundtiefen Pessimismus, verstärkt durch Onettis lyrisch dichte Sprache, getragen von einer an Sarkasmus grenzenden Ironie. Der Uruguayer, zeitlebens im Schatten von Borges, demonstriert hier in der kurzen Erzählform seine Stellung als einer der Großen der lateinamerikanischen Literatur.