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Die Welt als geschlossene Anstalt

Rainer Traub

Über "Der Schacht" von Juan Carlos Onetti 

Im Jahr 1939 erschien in Montevideo ein kartoniertes Buch von gerade 99 Seiten mit dem Titel "El pozo" ("Der Schacht"). Äußerlich unansehnlich, gedruckt auf grauem Packpapier, mit einer angeblichen Picasso-Zeichnung auf dem Umschlag, die in Wahrheit von der Hand des Verlegers stammte, verkaufte sich das Bändchen erbärmlich schlecht. Niemand kannte damals den Verfasser Juan Carlos Onetti, die Rezensenten ignorierten sein Werk. Allen Anstrengungen der Ratten zum Trotz, die scharenweise in den Regalen des Auslieferungslagers hausten, dauerte es viele Jahre, bis die Auflage von 500 Exemplaren aufgezehrt war.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Erstdruck erreicht der Kurzroman, wie eine anachronistische Flaschenpost, nun den deutschen Leser*: fast als letzter der großen Romane Onettis, dessen Bedeutung erst deshalb so spät erkannt wurde, weil sich der Verfasser, nach dem treffenden Wort eines Kritikers, "der Voreiligkeit schuldig gemacht hatte, Pionier des modernen Romans zu sein". Dem schmalen Band eilt der Ruf voraus, sein Publikationsdatum sei die Geburtsstunde des lateinamerikanischen Romans.

Vor 80 Jahren in Montevideo geboren, ist der Schriftsteller Juan Carlos Onetti von der Aura eines merkwürdig lautlosen Ruhms umgeben, von der Legende des scheuen Einzelgängers, der sich hinter einem düsteren Humor verschanzt, wenn er sich nicht in Schweigen hüllt. Einen "Kafka vom Río de la Plata" hat man ihn genannt, der hinter seinen riesigen Brillengläsern traurige Augen mit dem Blick eines verfolgten Tieres verbirgt.

Der Sohn eines Zollbeamten kannte von Jugend an nur das Lebensziel, Schriftsteller zu werden. Er brach früh das Gymnasium ab und verdingte sich unter anderem als Portier und Kartenverkäufer in einem Sportstadion; in der Freizeit: Lektüre und Alkohol. Onetti betreute den Literaturteil der in Lateinamerika angesehenen Wochenzeitschrift "Marcha" und übte viele Jahre den Brotberuf eines Nachrichtenredakteurs der Agentur Reuter in Buenos Aires aus. Seit 1974, als ihn die damals in Uruguay herrschenden Militärs monatelang inhaftierten, weil er sich für die als regimekritisch verfemte Erzählung eines jungen Kollegen eingesetzt hatte, lebt Onetti völlig zurückgezogen in Madrid. Umstellt vonBüchertürmen, verläßt der Greis seit Jahren kaum noch sein Zimmer.

Vor einer Weile ging ich durchs Zimmer, und plötzlich fiel mir auf, daß ich es zum erstenmal sah. Es gibt darin zwei Pritschen, schiefbeinige Stühle ohne Sitzfläche, von der Sonne vergilbte, monatealte Zeitungen, die statt Scheiben vor das Fenster geheftet sind.

Ich ging mit nacktem Oberkörper auf und ab, überdrüssig, seit dem Mittag so dazuliegen und in der verfluchten Hitze zu schnaufen, die sich unter dem Dach sammelt und die sich jetzt, immer gegen Abend, ins Zimmer ergießt. Ich ging mit den Händen auf dem Rücken, hörte die Schlappen auf den Fliesen klatschen und roch abwechselnd an meinen beiden Achselhöhlen. Ich bewegte den Kopf von einer Seite zur anderen, sog die Luft ein, und das ließ auf meinem Gesicht, ich fühlte es, einen angeekelten Ausdruck entstehen. Das unrasierte Kinn schabte über die Schultern.

Mit diesen ersten Sätzen in "Der Schacht" ist der spröde, lakonische Onetti-Ton angestimmt, wird der Leser in den psychischen Brunnenschacht des Ich-Erzählers hineingezogen. Am Vorabend seines 40. Geburtstags beschließt Eladio Linacero, allein mit sich in einem stickigen, verwahrlosten Raum, seine "Erinnerungen" aufzuschreiben, keine Autobiographie im konventionellen Sinn, sondern "die Geschichte einer Seele": Abenteuerphantasien von einem anderen Leben - und die Erinnerung an die Gewalt, die er als Halbwüchsiger einem Mädchen angetan hat.

In einer hitzeflirrenden, mondlosen Silvesternacht, die im Leben des Helden ein Vierteljahrhundert zurückliegt, lockt er die 18jährige Ana MarIa in ein Gärtnerhäuschen und demütigt sie sexuell, ohne freilich das mindeste Verlangen zu empfinden. In kalkuliert schmuckloser, minutiös protokollierender Sprache berichtet der Täter von der Reaktion seines Opfers:

Sie bewegte die Augen von oben nach unten und bedeckte mein Gesicht von der Stirn bis zum Mund mit Blicken. Ich erwartete den Schlag, die Beschimpfung, was es auch sein mochte, noch immer an die Wand gelehnt, die Hände in den Taschen . . . Sie näherte sich mir noch mehr und spuckte mich an, sah mir ins Gesicht und lief davon. Ich rührte mich nicht, und der erkaltende Speichel rann mir langsam über Nase und Backe. Dann teilte er sich und floß beiderseits am Mund vorbei.

Ein halbes Jahr danach ist Ana MarIa tot und geistert fortan durch Eladios Träume. Wie und warum sie stirbt, bleibt so rätselhaft wie das Motiv des seltsam lustlosen Überfalls: die Welt der sogenannten Tatsachen geht den Erzähler wenig an.

Spärliche Anhaltspunkte nur weisen auf die historische Situation des Ich-Erzählers hin, auf den bevorstehenden Zweiten Weltkrieg: eine Radiomeldung über Truppenbewegungen in Europa, ein beiläufiger Gedanke des Helden S.164 über die "neue germanische Mystik" oder das sarkastische Porträt, das Eladio von seinem (abwesenden) Zimmergenossen Lazaro gibt, einem gläubigen Stalin-Jünger. In solchen geschichtlichen Splittern deutet sich an, daß der junge Onetti, wie so viele Intellektuelle seiner Generation, große Erwartungen in den Kommunismus gesetzt hatte und spätestens durch den Hitler-Stalin-Pakt gründlich enttäuscht wurde.

Die Hoffnungen auf einen Sinn der Geschichte sind zerstört, der Held findet sich in einem Raum ohne Echo und Trost.

Die Wirklichkeit, von der Juan Carlos Onetti erzählt, durchkreuzt die Erwartungen der Leser. Keine "typisch lateinamerikanische" Szenerie, keine Spur von magischen Realitäten und exotischem Ambiente. Die Nachbarländer Uruguay und Argentinien, in denen Onetti den größten Teil seines Lebens verbrachte, sind die am stärksten europäisch geprägten Staaten Südamerikas und verdanken ihre Bevölkerung vor allem den riesigen Einwanderungswellen aus Europa, die sich in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts an den beiden Ufern des RIo de la Plata brachen. Die Ärmsten der Armen aus Galicien und Sizilien, aus Polen und Irland machten Montevideo und Buenos Aires zu alptraumartig wuchernden Metropolen.

Onettis literarische Geschöpfe sind die Entwurzelten im Dickicht der Städte. Sein Held Eladio Linacero ist mit autobiographischen Zügen ausgestattet, er verdient sein Geld, lustlos, als Journalist. "Die Arbeit ist für mich eine widerliche Dummheit." Eladio erträumt sich eine andere Existenz. Er treibt als Holzfäller Schlittenhunde durch Alaska, schürft Gold, verfaßt in den Schweizer Alpen ein literarisches Meisterwerk, verwandelt seine geschiedene Ehefrau Cecilia noch einmal in das ätherische, geheimnisvolle Wesen, als das sie ihm einst erschien, bevor die Ehe mit ihrem "ekelhaften Sinn fürs Praktische" an die Stelle der Liebe trat. Doch der Versuch, andere an seinem Traumleben teilnehmen zu lassen, scheitert zweimal kläglich; kein Weg führt von innen nach außen.

Ohne Zweifel ist dieser kurze, intensive Roman, in dem Rebellion und Resignation auf merkwürdige Weise verschwistert sind, vom französischen Existentialismus beeinflußt. Mehr noch als der ein Jahr vor dem "Schacht", 1938, veröffentlichte Sartre-Roman "Der Ekel" hat das Vorbild des Pariser Armenarztes Louis-Ferdinand Celine auf den jungen Onetti gewirkt; Celines autobiographisch geprägter, haßvoll kosmopolitischer Roman "Reise ans Ende der Nacht" war seine Bibel.

Wie auch immer die Lehrmeister Onettis hießen, unter denen Dostojewski, Faulkner und natürlich Kafka hervorragen: Das kleine Werk aus dem Jahr 1939, in dem die Welt als eine geschlossene, aus der Sicht eines Insassen beschriebene Anstalt erscheint, hat mit seiner erkalteten Traurigkeit der Literatur eine neue Weltgegend erschlossen. Onetti aber, ihr stiller Erfinder, reagierte mit gänzlich unkoketter Verwirrung, als er sich 1981 anläßlich der Verleihung des Cervantes-Preises, des "spanischen Nobelpreises", jählings im Scheinwerferlicht der internationalen Neugier fand. Beim Galadiner, das der spanische König zu seinen Ehren ausrichtete, fehlte als einziger der geladenen Gäste der Preisträger.

Überzeugt, daß der Ruhm nur eine Form des Irrtums darstellt, ist er ein Seelenverwandter seiner einsamen Figuren geblieben, ein Nachbar des Eladio Linacero, der in seinem kahlen Zimmer den Geräuschen der Dunkelheit lauscht: "Ich lächle in Frieden, öffne den Mund, lasse die Zähne aufeinanderklappen und beiße sanft die Nacht. Alles ist vergeblich, und man muß wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen. Ich hätte die Nacht aufs Papier spießen mögen wie einen großen Nachtfalter. Statt dessen war sie es, die mich in ihren Wassern mit sich nahm wie den bleichen Körper eines Toten und mich mitschwemmt, unerbittlich, zwischen Kälteschauern und flüchtigem Schaum, nachtabwärts."




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