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Die kleinen Dinge des Lebens

Thomas Combrink

Was für ein mächtiger Fluss aus Buchstaben, Wörtern und Sätzen, den Juan Carlos o netti durch die Literaturlandschaft leitet! Was für eine abgehalfterte, poröse, dunkle aber auch wunderbar schillernde Gestalt dieser Larsen, oder auch Leichensammler, doch ist!

Fast ist man geneigt zu glauben, dass Zeit eine der Hauptrollen innerhalb der Arbeiten Juan Carlos o nettis spielt. Der 1909 in Montevideo als Sohn eines uruguayischen Zollbeamten und seiner brasilianischen Frau geborene Dichter emigrierte 1975 nach Madrid, wo er 1994 verstarb. Sein langes Leben verbrachte er neben der Schriftstellerei mit Tätigkeiten bei Zeitun-gen, einer Werbeagentur oder als Direktor der Städtischen Bibliotheken von Montevideo. In der bei Suhrkamp auf sechs Bände angelegten Werkausgabe ist nun der dritte Band erschienen mit den beiden Romanen „Leichensammler“ und „Die Werft“. Der Vorteil dieser beginnenden Ausgabe liegt in der sich dadurch hoffentlich erhöhenden Popularität von o netti, einem Autor, dem sicherlich in deutschen Gefilden eine breitere Rezeption gut täte. Neben den Romanen findet sich noch ein angemessen proportionierter Anhang in diesem Buch, der den Einstieg in die Lebens- und Literaturwelt o nettis erleichtert.

Prosa nach dem Akupunkturprinzip
Seine Prosa funktioniert nach dem Akupunkturprinzip; es ist keine generelle, alles präzise und vollständig erfassende Erzählweise – oft wird der Ausdruck Detailrealismus ja missverstanden im Sinne eines inventarisierenden, jede noch so unscheinbarste Kleinigkeit vernehmenden Erzählens -, sondern eher der Blick auf die entscheidenden Zeitpunkte und ausschlaggebenden Momente im Agieren der einzelnen Charaktere: „...dann stand er auf, ließ zwei speichelfeuchte Finger über die Bügelfalten seiner Hosenbeine gleiten, hob das am Vortag in Buenos Aires erschienene Abendblatt auf und mischte sich unter die Leute...“. Hier geht es um Larsen, auch genannt Leichsammler, der in beiden Romanen auftaucht, und die eigentliche Entdeckung, das bestürzend Besondere liegt bei diesem Zitat in der peniblen Geste seiner Finger, die sich um den akkuraten Sitz der Bügelfalten bemühen, eine Beobachtung, die sich unserer alltäglichen Aufmerksamkeit häufig entzieht, aber trotzdem natürlich noch viel mehr ist als die schlichte und unaufregende Tatsache eines knappen Blickes auf die Manieriertheiten einer Person, denn o netti gelingt es seinen Figuren Leben einzuhauchen, indem er sie einer strikten Funktionalität entbindet, was bedeuten soll, dass der Eindruck von ihnen, der sich im Kopf des Lesers mit jeder Seite der Lektüre plastischer und konkreter gestaltet, eher vom obskuren, aber elementaren Detail ausgeht, als von einer anderen, wie auch immer gearteten Wichtigkeit. In der Tat erfordert die Beschäftigung mit diesen beiden Romanen Kondition; auch das hängt mit o nettis Sinn für Zeit oder präziser ausgedrückt, für die Möglichkeiten der Literatur den Prozess des Lesens zu verlangsamen. Fast möchte man etwas grimmig meinen, der Autor produziere eine hochinteressante Langeweile, und tatsächlich lassen sich diese beiden Romane auf die doppelte Länge gestreckt nur schlechterdings ohne enorme Ermüdung vorstellen.

Kalkulierte Langeweile
Der enge inhaltliche Zusammenhang beider Romane rührt auch daher, dass Juan Carlos o netti sich für die Figur des Zuhälters Larsen sein Leben lang begeistern konnte und dass die Wirklichkeiten, die er um Leichensammler herumbaut, in beiden Arbeiten eine ähnliche Atmosphäre besitzen. In dem Roman „Leichensammler“ versucht Larsen in der Stadt Santa María ein Bordell zu errichten, aber gleichzeitig geht es auch um das Verhältnis von Jorge Malabita zu Julita, der Witwe seines Bruders. Fünf Jahre später spielt die Handlung von „Die Werft“, in der Larsen – vom Gouverneur aus der Provinz verwiesen – zurückkehrt nach Santa María und versucht als Geschäftsführer einer abgetakelten Werft, diese wieder auf Vordermann zu bringen. Doch mit einer bloßen Paraphrase dessen, was sich in Santa María abspielt, lässt sich nur ungenau die Attraktivität der Prosa dieses südamerikanischen Schriftstellers kennzeichnen. Larsen ist eine undurchdringliche Gestalt - sicherlich vom Schlechten so beseelt wie vom Guten, und mit diesem monolithischen Charakter, bei dem man bereits früh schon ahnt, dass er zum Scheitern verdammt ist, kämpft der Leser, rackert sich ab an den Ecken und Kanten Larsens, in der Hoffnung im Nahe zu kommen und ihn ein wenig zu verstehen.




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