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Die KurzbiografieEine nicht organisierte Gruppe unbekannter und einflussloser Menschen vertritt die Ansicht, für Juan Carlos Onetti sei die nationale Herkunft das größte Verhängnis gewesen. Wäre er nicht in terra incognita zur Welt gekommen, sondern einem Land mit der wirtschaftlichen Kraft und dem politischen Gewicht, welche nötig sind, um Kultur mit Erfolg zu exportieren, dann wäre er nicht nahezu incognito gestorben. Wäre seine Geburtsstadt nicht Montevideo, sondern beispielsweise Buenos Aires, dann wäre heute nicht Jorge Luis Borges, sondern Juan Carlos Onetti weltweiter Inbegriff und Superstar der lateinamerikanischen Literatur. Gut vorstellbar, dass ihm diese seine Karriere viel lieber war: Agent provocateur, mit und ohne Decknamen, sich hütend vor Publicity, heimgesucht von Legendenbildung wie andere vom Schimmel, mit Tiefen- statt Breitenwirkung, später gleichgültig gegenüber dem Getöse der ungerufenen Adepten, belohnt mit einem Bann des Schweigens, der erst an generalstabsmäßiger Blödheit bricht, dann das Trara, Exil, schließlich der Ruhm, kurz und kompromisslos, ein Mythos schon zu Lebzeiten, ein Überlebender im Geheimbund der Nicht-Gehirntoten, in der von ihm geschaffenen Welt. Die Bedeutung des Werkes von Onetti belegen die Aussagen derer, die es von Berufs wegen am besten wissen: Fast alle Lateinamerikaner, die es im 20. Jahrhundert mit Literatur zu Ruhm brachten, berufen sich auf Onetti oder bezeugen seinen Einfluss. José María Arguedas schreibt in seinem letzten Buch El zorro de arriba y el zorro de abajo: "Onetti bebt bei jedem Wort, harmonisch. Ich käme gerne nach Montevideo (ich bin in Santiago), unter anderem, um ihn zu grüßen, ihm die Hand zu drücken, mit der er schreibt. So ist es." Augusto Roa Bastos meint, Onetti sei der "schlechthin klassische Schriftsteller der heutigen Literatur Lateinamerikas." Carlos Fuentes schreibt in La nueva novela hispanoamericana, das Werk von Onetti sei "das Fundament der lateinamerikanischen Moderne". Juan Rulfo und Gabriel García Márquez äußern Ähnliches. Octavio Paz umschreibt den Einfluss von Onetti: "Man sagte, Lateinamerika war ein Kontinent reich an Bodenschätzen, Generälen und Caudillos; heute können wir sagen, dass er auch reich an Dichtern und Schriftstellern ist." Julio Cortázar nennt Onetti schlicht und einfach "den größten Romancier Lateinamerikas". Aber wie schon gesagt: Fast niemand kennt ihn. Onettis Bücher wurden vielfach übersetzt, die meisten inzwischen auch ins Deutsche. In kaum einer Buchhandlung liegen sie aus – wer nachfragt, muss buchstabieren: "Mit zwei t". Sein Name fehlt in den gängigen Konversationslexika. In Vorlesungen und Seminaren wird er ängstlich oder ehrfurchtsvoll gemieden. Es gibt kaum deutschsprachige Information zu Onetti. [*] Als Geburtsdatum von Juan Carlos Onetti nennen alle verfügbaren Quellen: 1. Juli 1909. Keine dieser Quellen beruft sich auf die Geburtsurkunde. Und selbst diese wäre kein unanfechtbarer Beleg. Über die Kindheit und Jugend von Onetti weiß man wenig. Es gibt keine Autobiografie. Die Tagebücher aus jener Zeit wurden nie publiziert, sind wahrscheinlich verschollen. Onetti hat – von einer kurzen Rede abgesehen, in der er über seine frühe Lese-Leidenschaft berichtet – fast nichts von jenem Lebensabschnitt erzählt: "Ja, es war eine glückliche Kindheit. Aber es gibt wohl kaum einen so zutiefst persönlichen, so absolut intimen Lebensabschnitt wie diesen. Über die Kindheit zu reden impliziert Scheitern, unvermeidlich, vergleichbar dem Erzählen von Träumen." Onetti hat einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester. Die Familie der Mutter, portugisiescher Herkunft, hatte in Brasilien Latifundien besessen und verloren und war um 1830 nach Uruguay gekommen. Die Vorfahren väterlicherseits hießen angeblich O'Nety und stammten aus Irland. Onettis Vater war erst Kaufmann, später Beamter beim Zoll. 1923. Onetti verlässt die Schule ohne Abschluss: "Ich fiel wiederholt im Fach Zeichnen durch. Und deswegen konnte ich, beispielsweise, nicht Rechtsanwalt werden". 1928. Onetti und Freunde machen eine kleine, anzeigenfinanzierte Stadtteilzeitung, La Tijera de Colón. Alle fünf Ausgaben enthalten eine kleine Erzählung, ohne Angabe des Autors. "Literarische Jugendsünden", wie Onetti mehr als 50 Jahre später bekennt. 1930. Onetti heiratet seine Kousine María Amalia. Sie ziehen nach Buenos Aires, finanzieren sich mit Gelegenheitsjobs. 1931. Ihr Sohn Jorge kommt zur Welt. 1932. Die Tageszeitung La Prensa, Buenos Aires, schreibt einen Literatur-Wettbewerb aus. Onetti beteiligt sich mit der Erzählung Avenida de Mayo–Diagonal–Avenida de Mayo. Als eine der zehn prämierten erscheint sie am 1. Januar 1933: Onettis erste Veröffentlichung. 1934. Die Ehe wird geschieden. Onetti kehrt nach Montevideo zurück. Er heiratet María Julia, die Schwester seiner Ex-Frau. Weiterhin Gelegenheitsjobs, hin und wieder eine Filmbesprechung für Crítica in Buenos Aires. 1939. Carlos Quijano gründet in Montevideo die Wochenzeitung Marcha. (Anfänglich handelt es sich um das Blatt einer Splittergruppe des Partido Blanco, der konservativeren der zwei großen Parteien Uruguays. Im Laufe der 50er Jahre wandelt sich Marcha zum Sprachrohr der Linken des gesamten Kontinents. Die Zensoren der Militärjunta unter Juan. M. Bordaberry verbieten die Zeitung Ende 1974. Seit 1978 erscheint Marcha als Monatsmagazin, erst im Exil in Mexiko, seit 1985 wieder in Uruguay.) Onetti wird Redakteur bei Marcha und füllt Lücken mit fiktionalen Texten, teils aus dem Englischen übersetzt, teils selbst verfasst, stets unter Pseudonym. Außerdem schreibt er, alias Periquito el Aguador (Peterchen der Wasserträger) oder Grucho Marx, in den ersten zwei Jahren eine wöchentliche Kolumne. Onetti erläutert dazu 1968: "(...) Quijano kam auf die Idee, Lose zu schreiben, und mir fiel es zu, die Stunden des Müßiggangs darauf zu verwenden, eine Kolumne mit literarischem Allerlei zu ersinnen, natürlich national und anti-imperialistisch. Ich erinnere mich zu Quijano gesagt zu haben, als schüchterne Entschuldigung, von der Existenz einer nationalen Literatur nichts zu wissen. Worauf er fluchend antwortete, dass es ihm mit der Politik genauso gehe und dass er trotzdem und dennoch in der Lage sei, einmal wöchentlich ein kleines und mathematisches Editorial über das Nichts zu schreiben. (...)" Carlos Cunha, Dichter, wie Onetti mit Broterwerbsjob bei Marcha, und Casto Canel, Musiker und Lehrer, betreiben gemeinsam eine kleine Druckerei für Werbematerial. Außerdem verlegen sie Lyrik. Ihre Edition heißt Signo und umfasst zum Zeitpunkt fünf Bände. Ihr nächstes Projekt: Ein Buch ihres Kumpels Juan Carlos. Onetti rekapituliert einen Text, den er um 1932 geschrieben und bei einem Umzug verloren hatte. Titel: El Pozo (Der Schacht). Onettis erstes Buch. Gedruckt Mitte Dezember 1939 auf Packpapier, 100 Seiten, Format ca. 11 x 15 cm, Auflage 500 Exemplare, auf der Titelseite ein Portrait im Stile Picassos, gezeichnet von Canel und von María Julia meisterhaft signiert. Die letzten 101 Exemplare wurden 1964 von der Buchhandlung Barreiro y Ramos, Montevideo, auf Anfrage an Onetti zurückgegeben. Auf den Verkaufserfolg seiner Bücher angesprochen, sagte Onetti gelegentlich: "Ich wechselte von Buch zu Buch den Verlag. Um die Verluste zu verteilen." 1940. Onetti wird Redakteur bei der Nachrichtenagentur Reuters, Dependance Montevideo. 1941. Onetti übernimmt die Leitung der Redaktion von Reuters in Buenos Aires. Dort lernt er Elisabeth María Pekelharing kennen. Sie heiraten 1945. 1951 kommt ihre Tochter María Isabel zur Welt. 1948. Onetti wechselt von Reuters in die Redaktion der Illustrierten Vea y Lea, wenig später zu Impetu, einem Werbemagazin der Agentur-Gruppe J. Walter Thompson. 1949. Juan María Brausen, mäßig erfolgreicher Werbetexter und Figur von Onettis Gnaden, gerät an den Wendepunkt seines Lebens, erinnert sich, über einem Drehbuch brütend, an vierundzwanzig glückliche Stunden in Santa María, schreibt... Jahre später werden ihn die Bewohner der Stadt als Gründer verehren. [Santa María] 1950. Der Roman La vida breve (Das kurze Leben) wird in Buenos Aires publiziert, der zentrale Text im Werk von Onetti. [Brausen über Onetti] 1955. Onetti heiratet die Geigerin Dorotea Muhr, mit der er bis an sein Lebensende zusammen bleibt. Sie ziehen nach Montevideo. Er arbeitet kurze Zeit für die Werbeagentur Bastarrica, anschließend für die Tageszeitung Acción. 1957. Idea Vilariño veröffentlicht Poemas de amor (Liebesgedichte), gewidmet J. C. Onetti. – Onetti wird Direktor der Städtischen Bibliotheken von Montevideo. Er bleibt bis 1974 in dieser Position. 1960. Marcha druckt das erste Onetti-Interview. Ein Auszug: Frage: "Welche Funktion erfüllt der Intellektuelle in unserer Gesellschaft, und welche Tätigkeit kommt ihm Ihrer Meinung nach zu?" Antwort: "Er erfüllt keinerlei Aufgabe von gesellschaftlicher Wichtigkeit. Ihm gebührt Talent zu haben." Frage: "Was – konkret – halten Sie für unabdingbar, damit die Kommunikation zwischen Schriftsteller und Publikum funktioniert?" Antwort: "Freude des Wiederholens: Der Schriftsteller muss Talent haben." 1961. Lettres nouvelles, Paris, veröffentlicht die erste Übersetzung: die Erzählung Salut, Bob! (Willkommen, Bob). 1962. Onetti erhält, zusammen mit Francisco Espínola, den Uruguayischen Nationalpreis für Literatur. Nach Espínolas langer Rede ist Onetti an der Reihe. Er erhebt sich, wendet sich an die Honoratioren und entschuldigt sich: "Ich rede nicht, ich schreibe." 1966. Eingeladen vom PEN Club "tourt" Onetti durch die USA. An der Universität von Seattle schreibt Yvonne Perrier Jones die erste Dissertation über Onetti: Form and content in Juan Carlos Onettis El astillero. Luis Harrs veröffentlicht in Argentinien, später auch in den USA, Los nuestros (Die Unsrigen), eine Sammlung von Reportagen über südamerikanische Schriftsteller. Das Buch erreicht über zehn Auflagen. Das Onetti-Kapitel wird – trotz zahrlreicher Gegendarstellungen – das Bild von Onetti für immer prägen: "Im trägen Nieselregen, gehüllt in einen dicken Mantel, gebeugt unter dem Gewicht der Stadt, geht er, düster, ein Nachtwandler in der schlaflosen Nacht. Wie die Stadt trägt er müde die Last der Jahre. Hochgewachsen, weiße Schläfen, graues Haar, schlaflose Augen, verzerrte Lippen einer schmerzhaften Grimasse, hohe professorale Stirn, die Spuren des Verzichts in seinem Gang eines gealterten Büromenschen. Protagonist eines unvollständigen Buches, das er seit Jahren schreibt und kapitelweise, mit unterschiedlichen Titeln, veröffentlicht, ein 'einsamer Man an irgendeinem Ort der Stadt', rauchend, der sich nachts zur Wand dreht, um verrückte und phantastische Dinge zu ersinnen. 'Er scheint ein Waise zu sein, ohne Beschäftigung, abwesend, Mißgeschicke, an denen er seit immer leidet, aufgrund eines Fehlers der Natur oder einer innerlichen Niederlage während der Jugend, als er bereits mit niemandem etwas zu tun hatte'. Er lebt abgeschlossen von der Außenwelt, einsam, hilflos. Es war, wie er sagt, sein physisches und moralisches Außenseitertum, das ihn zum Schriftsteller machte, ihm zum Trotz, aus unbekannten Gründen, ausgehend von einer Gewohnheit, die sich 'in Laster, in Leidenschaft, in sein Unglück' verwandelte. Er trägt sein Kreuz auf hängenden Schultern, als büße er eine unbenannte und unverzeihliche Schuld. Das ist das Bild, das wir von Onetti haben, dem Steppenwolf der uruguayischen Literatur, Bewohner jenes Ödlands, in dem laut Mario Benedetti diejenigen leben, die verdammt sind, 'das definitve Scheitern jeglicher Bindung, das totale Mißverstehen des Daseins, das sich Verpassen von Sein und Schicksal' zu erleiden." 1967. Onetti auf Schallplatte – aber nicht in den Charts: Er liest Bienvenido Bob (Willkommen, Bob) und ein Fragment aus El Astillero (Die Werft); eine Aufnahme für die Dokumentationsreihe "Voz viva de América Latina" der Universidad Autónoma de México. [Multimedia-Archiv] Auf Einladung und Drängen reist Onetti erstmals zu einem Literatur-Kongress, dem Treffen lateinamerikanischer Schriftsteller in Santiago de Chile. Sein Fazit, in einem Interview: "Literatur-Kongresse bringen's nicht. Bei einem Medizin-Kongress, beispielsweise, wird stets ein Vortrag über eine neue Heilmethode oder Technik gehalten, Operation am offenen Herzen etwa; etwas Nützliches und Konkretes. Auf einem Literatur-Kongress aber leiert jeder seine Rede oder sein Gedicht herunter. Ein Grauen. Wer hat auf einem Literatur-Kongress schreiben gelernt? Wozu dienen sie? Zur Selbstdarstellung einiger... okay, Sie können das rausstreichen, wenn's stört..." Mario Vargas Llosa beendet seine Dankesrede anlässlich der Verleihung des Rómulo-Gallegos-Preises in Caracas: "Andere Schriftsteller, deren Werk umfangreicher und deren Verdienste größer sind, gebührt dieser Preis – ich denke zum Beispiel an den großen Onetti, dem Lateinamerika noch nicht die Anerkennung hat zuteil werden lassen, die er verdient." 1969. Casa de las Américas, La Habana, veröffentlicht den ersten Sammelband kritischer Texte über Onetti. 1970. Editorial Aguilar, Ciudad de México und Madrid, publiziert die Obras Completas (Das Gesamtwerk) – etwas voreilig: Onetti wird noch vier Romane und mehr als zwei Dutzend Erzählungen schreiben. 1973. Julio Jaimes bannt mit einer Super-8-Kamera ein Interview: der erste Dokumentarfilm über Onetti. 1974. Die uruguayische Militärjunta lässt Mitte Februar Carlos Quijano, Mercedes Rein, Hugo Alfaro sowie Onetti inhaftieren. Die Anklage lautet: "Förderung der Pornographie". Als Juroren des Marcha Literaturwettbewerbes hatten sie die Erzählung El guardaespalda (Der Leibwächter) von Nelson Marra prämiert, eine Parabel auf die Diktatur. Internationale Proteste. Nach drei Monaten kommen sie frei, Marra erst 1978. Hausse von Onettis Bekanntheitsgrad: Die Zeitschrift Cuadernos Hispanoamericanos, Madrid, widmet Onetti eine Dreifach-Ausgabe, ein weiterer werkanalytischer Sammelband erscheint gleichzeitig in Spanien und den USA. In Italien erhält Onetti seine erste internationale Auszeichnung. Es folgt die erste Europareise: Spanien, Italien, Frankreich. Juan Ignacio Tena Ybarra, Direktor des Instituto de Cultura Hispánica, Madrid, offeriert Onetti ein Stipendium. Bei Rückkehr nach Uruguay antwortet Onetti auf die Frage nach Auswanderungsplänen: "Ich habe ein Angebot aus Spanien. Und aus Venezuela. Aber noch ist nichts entschieden. Die Sache hat auch negative Aspekte. Die Taue kappen, in meinem Alter... Wenn ich gehe, werde ich dort sterben, scheint mir. Einerseits zieht es mich fort, andererseits habe ich Lust zu bleiben. Als wir zurückkamen, fuhren wir im Auto die Rambla entlang, es war ein herrlicher Tag, heiß und sonnig, mein Gott wie schön... wir kamen aus Paris: Regen, Regen, Regen... Aber noch ist nichts entschieden." Sein Reisepass wird konfisziert. 1975. Im April nutzt Onetti die Genehmigung einer Wochenend-Reise nach Buenos Aires, um sich nach Spanien abzusetzen. 1976. Onetti nimmt ein Angebot der Nachrichtenagentur Efe an, einmal pro Monat einen Artikel über ein Thema eigener Wahl zu schreiben. Sie erscheinen bis einschließlich 1991 in verschiedenen spanischen und südamerikanischen Tageszeitungen. Onetti reflektiert, kommentiert die internationale Politik und das Kulturgeschehen. 1978. Onetti reist nach Frankreich: Als erste Universität veranstaltet die Sorbonne in Paris eine Vortragsreihe über sein Werk. 1979. Veröffentlichung des Romans Dejemos hablar al viento (Lassen wir den Wind sprechen). Innerhalb von einem Jahr erscheinen vier Auflagen. Zwei Kapitel, in den 60er jahren separat veröffentlicht, deuten darauf hin, dass Onetti mindestens 15 Jahre an dem Buch gearbeitet hatte. [Werkverzeichnis] 1980. Juni. Onetti fliegt nach Mexiko: Die Universidad de Veracruz ehrt ihn mit einem zweiwöchigen Kongress. "Gemessen an meiner Neugier bin ich wenig gereist. In Anbetracht meiner Faulheit viel." August: In Buenos Aires kommt die erste Onetti-Verfilmung in die Kinos: El infierno tan temido. [Net-Edition] November: In der Real Academia Española fällt die jährliche Entscheidung: Der Cervantes-Preis, die höchste Auszeichnung für Schriftsteller spanischer Sprache, geht an Juan Carlos Onetti. 1981. April: Die Preis-Verleihung. Ein Auszug aus der Dankesrede: "(...) Die Eloquenz, eine sehr hispanische Eigenschaft, blieb mir versagt. Ich rede schlecht im privaten Kreis, deswegen rede ich wenig bei den kleinen Treffen mit Freunden, und ich rede noch schlechter in der Öffentlichkeit, weswegen es besser für Sie wäre, ich würde gar nichts sagen. (...) Heute aber stehe ich vor Ihnen, mit einer ängstlichen Freude, denn erstmals bin ich bereit eine Rede zu halten, nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Weil ich mündlich meine Dankbarkeit gegenüber Spanien zum Ausdruck bringen möchte. – Heraklit schrieb die sibyllinischen Worte: 'Wer nicht hofft, dem wird das Unerhoffte nicht passieren.' Ich habe bemerkt, dass ich mein Leben lang unbewusst etwas erhoffte; und in Spanien hat es sich, unerhoffterweise, erfüllt. Ich meine nicht den Premio Cervantes an sich, auch nicht das, was man Ruhm oder Erfolg nennt, sondern eine Form von Menschlichkeit, von Freundschaft, von Herzlichkeit, von Verständnis, die ich hier gefunden habe, und von der ich glaube, dass man sie in keiner anderen Region der Welt mit solcher Großzügigkeit verteilt wie in dieser. Ich denke bei diesen Worten nicht nur an mich, sondern an Tausende von Töchtern und Söhnen Amerikas, die in der Heimat von Cervantes ihre neue Heimat fanden. – Dass ein Mann meines Alters sich plötzlich, ohne es verdient zu haben, von so vielen Arten der Liebe, des Verständnisses umgeben sieht, wäre allein schon eines der größten Geschenke, die das Schicksal machen kann; es geschieht leider sehr selten. Doch was mich persönlich betrifft, so habe ich einen besonderen Grund dankbar zu sein. Ich kam nach Spanien mit der Gewissheit, alles verloren zu haben, alles hinter mir lassend, nichts für die Zukunft. Mein Leben als Schriftsteller interessierte mich nicht mehr. Und trotzdem, hier bin ich, einige Jahre später, habe überlebt. Dieses Überleben ist das Wichtigste, was ich den Spaniern verdanke. Diese geschenkten Jahre, in denen ich wieder Freude am Schreiben fand, nach langer Unterbrechung. Diesem generösen Land verdankte ich den Glauben, noch etwas zu sagen, noch ein vorletztes Sandkorn zu haben. (...) Ich bitte die Herren der Akademie um die Erlaubnis, zum Schluss einen alten lateinischen Satz zu zitieren: 'Ubi Libertas Ibi Patria'. Gracias, Majestad; Gracias, España." Mit der Auszeichnung erhält Onetti auch die spanische Staatsbürgerschaft. Dem Bankett nach den Reden bleibt er fern. Auf die Frage eines Journalisten, was ihm der Preis bedeute, antwortet er: "Zehn Millionen Peseten. Genug Geld, um endlich frei von finanziellen Sorgen schreiben zu können." Der PEN Club Lateinamerika nominiert Onetti für den Nobelpreis. 1984. In Uruguay finden wieder demokratische Wahlen statt. Julio María Sanguinetti, der neue Präsident, lädt Onetti mehrmals zur Rückkehr ein. Onetti bleibt in Spanien. 1985. Onetti erhält den Uruguayischen Nationalpreis für Literatur. Auch besuchsweise will Onetti nicht mehr nach Uruguay. Sanguinetti überreicht ihm den Preis in Madrid. 1987. Erneute Nominierung für den Nobelpreis. 1993. Veröffentlichung des letzten Romans: Cuando ya no importe (Wenn es nicht mehr wichtig ist). Das letzte Kapitel: "Jetzt, definitiv, für immer in Monte, schreibe ich weiterhin Notizen, denn ich spüre absurderweise, dass ich es tun muss, wie um ein heiliges Versprechen zu erfüllen, das ich nie gab und doch als mir auferlegt empfinde. Ich hätte viel Geld mitbringen und es verdoppeln können in diesem Land, in dem es am Wie nicht mangelt. Doch ich bin mit genügend gekommen, um mir einen Lohn bis zum Tod zu sichern, frei von Arbeiten, Arbeitgebern und der unerwünschten Gesellschaft von Büro-Kollegen. Frei von dieser Pest, Gott sei Dank. Ich lebe versteckt, wenn auch ohne das Wissen der Ordnungskräfte, die mich nicht in ihren Karteien haben. Ich verstecke mich, weil es hier Menschen gibt, vor allem Frauen, deren Gesichter und Entsagungen ich mich weigere, nach so vielen Jahren kennenzulernen. Aus den gleichen Gründen gefällt es mir nicht im geringsten, ihnen mein heutiges Gesicht zu zeigen, zu erlauben, dass sie meine vergangenen, kleinen Schandtaten erahnen oder erraten. Ich schrieb das Wort Tod, mit dem Wunsch es sei nicht mehr als das, ein mit zittrigen Fingern gezeichnetes Wort. Ich kann nicht sagen, dass mein Körper mich nie verraten oder meiner schlechten Behandlung wegen nach Rache verlangt habe. In diesem Abschnitt beginnt er lediglich, Analysen, Palpationen und chemische Begleiter zu empfehlen. Ich weiß genau, dass er letztlich rebellieren und Schmerzen ansteigender Intensität benutzen wird, um mich zu zwingen ihn zu beachten, genau dann, wenn es nicht mehr allzu wichtig ist, beim Sich-Einlassen auf Überdruss und Resignation. Noch einmal das Wort Tod, ohne die Notwendigkeit es zu schreiben. Es gibt in dieser Stadt einen Matrosen-Friedhof, schöner als das Gedicht. Und es gibt oder gab oder hat dort, zwischen Pflanzengrün und Wasser, ein Grab gegeben, in dessen Stein man den Namen meiner Familie meißelte. Mithin, an irgend einem widerwärtigen Tag im Monat August, Regen, Kälte und Wind, werde ich hingehen, um es zu belegen, mit ich weiß nicht welchen Nachbarn. Die Grabplatte schützt nicht ganz vor dem Regen, und außerdem, wie schon geschrieben wurde, wird es immer regnen." 1994. Das Titelbild von El Pais, Madrid, 31. Mai, zeigt Onetti. Der Begleittext: "Onetti geht zurück nach Santa María. – Gestern starb Juan Carlos Onetti, einer der größter lateinamerikanischen Schriftsteller. Seit mehr als einem Jahrzehnt lebte er zurückgezogen in seiner Wohnung, ohne Lust das Bett zu verlassen. 84 Jahre alt, geboren in Uruguay, spanischer Staatsbürger, Autor von Der Schacht und Schöpfer des literarischen Kosmos' Santa María, eines Werkes, ohne das die zeitgenössische Erzählkunst undenkbar ist." Todesursache: Leberversagen. Fünf oder sechs Personen verfolgen die Einäscherung. Uruguay bittet um die Urne, doch das Testament spricht dagegen. * Onetti für Nur-Deutsch-Leser: – Der Beitrag über Onetti in Lateinamerikansiche Literatur der Gegenwart in Einzeldarstellungen (Stuttgart 1978) beschränkt sich auf indiskutable Inhaltsangaben.
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