Die Rede

Majestäten, verehrte Damen und Herren der Akademie, geschätzte Würdenträger, geehrte Damen und Herren:

Ich wusste nie weder gut noch gleichmäßig zu reden. Die Eloquenz, eine sehr hispanische Eigenschaft, blieb mir versagt. Ich rede schlecht im kleinen privaten Kreis, deswegen rede ich wenig bei den kleinen Treffen mit Freunden, und ich rede noch schlechter in der Öffentlichkeit, weswegen es besser für Sie wäre, ich würde gar nichts sagen. Ich widersetze mich immer den Angeboten, den insistierenden Nachfragen und der Ungläubigkeit, ohne zu ahnen, dass ein unerbittliches Schicksal mich verpflichten würde, meine erste öffentliche Rede in Spanien zu halten.

Heute aber stehe ich vor Ihnen, mit einer ängstlichen Freude, denn erstmals bin ich bereit eine Rede zu halten, nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Weil ich mündlich meine Dankbarkeit gegenüber Spanien zum Ausdruck bringen will.

Heraklit schrieb die sibyllinischen Worte: „Wer nicht hofft, dem wird das Unerhoffte nicht passieren.“ Ich habe bemerkt, dass ich mein Leben lang unbewusst etwas erhoffte; und in Spanien hat es sich, unerhoffterweise, erfüllt. Ich meine nicht den Premio Cervantes an sich, auch nicht das, was man Ruhm oder Erfolg nennt, sondern eine Form von Menschlichkeit, von Freundschaft, von Herzlichkeit, von Verständnis, die ich hier gefunden habe, und von der ich glaube, dass man sie in keiner anderen Region der Welt mit solcher Großzügigkeit verteilt wie in dieser. Ich denke bei diesen Worten nicht nur an mich, sondern an Tausende von Töchtern und Söhnen Amerikas, die in der Heimat von Cervantes eine neue Heimat fanden.

Dass ein Mann meines Alters sich plötzlich umgeben sieht, ohne es verdient zu haben, von so vielen Arten der Liebe, des Verständnisses, wäre allein schon eines der größtes Geschenke, die das Schicksal machen kann; eines, das leider sehr selten vorkommt. Was mich jedoch persönlich betrifft, so habe ich besonders viele Gründe, um dankbar zu sein. Ich kam nach Spanien mit der Gewissheit, alles verloren zu haben, alles hinter mir lassend, nichts für die Zukunft. Mein Leben als Schriftsteller interessierte mich nicht mehr. Und trotzdem, hier bin ich, einige Jahre später, und habe überlebt. Dieses Überleben ist das erste, was ich den Spaniern verdanke. Diese geschenkten Jahre, in denen ich wieder Freude am Schreiben fand, nach langer Unterbrechung. Diesem generösen Land verdankte ich den Glauben, noch etwas zu sagen, noch ein vorletztes Körnchen zu haben.

Da wir nun schon von spanischen Prinzipien sprechen, im Zusammenhang mit mir, muss man wissen, dass die Jury des Premio Cervantes diesmal die quijoteske Idee hatte, diese große Auszeichnung jemandem zu verleihen, der es seit seiner Jugend gewohnt war, ein systematischer Verlierer zu sein. Der es bislang nur auf die Ränge schaffte und nicht einen einzigen Sieg vorzuweisen hat. Sie geht mir nicht aus dem Kopf, die ironische und mitleidige Gerechtigkeit – oder Ungerechtigkeit – dieser für mich überraschenden Entscheidung zu meinen Gunsten. Cervantinisch, quijotesk, haben die Mitglieder der Jury die alte Windmühle meiner Romane in einen stolzen gigantischen Briareo mit hundert Armen verwandelt.

Ich habe Cervantes, und insbesondere den Quijote, unzählige Male gelesen. Ich war ein Kind, als ich ihn entdeckte, und ich hoffe ihn noch einmal zu lesen, bevor ich sterbe. Ich konnte mir niemals vorstellen, auch nicht in den delirierendsten Momenten meines Daseins, dass mein Name in einem Atemzug mit seinem genannt würde. Heute ist es soweit, für Verdienste, die übertrieben werden. Ich bedanke mich für Ihr Delirium, größer als meines. Für mich, auf jeden Fall, kann es kein stärkeres Motiv für Bewegtheit und Stolz geben. Für mich nicht und für jeden echten Romancier.

Ich sagte, dass ich seit meiner Kindheit ein eingefleischter und begeisterter Cervantes-Leser war. Alle Romanschreiber, egal in welcher Sprache wir schreiben, sind Schuldner dieses glücklosen Mannes und seines besten Romans, der der erste und auch der beste Roman ist, der geschrieben wurde. Ein Roman, den wir uns alle vorgeknöpft haben, über Jahrhunderte, und der sich, uns und so wiederholter Plünderungen zum Trotz, erhalten hat, wie am ersten Tag, unberührt, mysteriös, transparent und rein.

Obwohl es auf diesem Gebiet viele gelehrtere und talentiertere Personen gibt als mich, und obwohl aus einem fernen Vorort der spanischen Sprache kommend, werde ich es wagen, eine schüchterne persönliche Meinung über einen der unzähligen Werte des Werke von Cervantes und insbesondere des Quijote abzugeben.

Die Anlage des Buches, seine ganz grundlegenden kreativen und imaginativen Freiheiten setzen ein Zeichen und erobern ein Feld ohne Grenzen, auf dem die gesamte nachfolgende Novelistik keimt und sich entwickelt. Die wundersame Verflechtung von rohester Realität und überbordender Fantasie, die erstaunliche Magie, die allem, was seine Hand wie nebensächlich berührt, dauerhaftes Leben verleiht, sind Eigenschaften die schon gelobt, beklatscht und kommentiert wurden und es auch immer werden.

Ich werde mich in diesem Fall weder auf die Ästhetik, noch auf die Erzähltechnik, noch auf die novelistische Kreation von Cervantes beziehen, sondern auf ein anderes Substantiv, dass so unmittelbar zur wahren Poesie gehört und das ich nebenbei schon erwähnt hatte: Die Freiheit. Denn der Quijote ist, neben vielem anderen, ein überragendes Beispiel von Freiheit und von Drang nach Freiheit.

Mein inniger Freund, der große Dichter Luis Rosales, hatte die Idee, eines seiner Bücher genau so zu betiteln: Cervantes und die Freiheit. Ein großartiger Einfall. Denn die Freiheit war immer eine vorrangige Sorge und auch oberstes Anliegen aller sensiblen und intelligenten Menschen.

Diese Freiheit, die wir heute atmen, einfach so, ohne Anstrengung, wie ohne es zu bemerken, diese Freiheit, die vielen trivial, langweilig, unbedeutend erscheint. Ich, der ich Freiheit kannte und auch den Mangel und das Fehlen von Freiheit, kann darum bitten, dass es immer so bleiben mögen. Eine gewohnte Luft, ohne exotische Aromen, die man mit dem Sauerstoff atmet, ohne daran zu denken, aber sich doch im Klaren darüber, dass sie existiert.

Unter dem Schutz dieses Verständnisses, und in diesem Sinne von Humor (der keine exklusive britische Erfindung ist, sondern auch und vor allem eine spanische), so geschützt also erlaube ich mir zu behaupten, dass ich, hätte ich die nötige Macht, einen einzigen Einschnitt in die individuelle Freiheit machen würde. Ich würde, ohne Einschränkungen, den Quijote als Pflichtlektüre verordnen.

Flaubert sagte, vielleicht mit übertriebener Naivität, dass es, hätten die Regierenden seiner Zeit die Education Sentimentale gelesen, den französisch-preußischen Krieg nicht gegeben hätte. Meinerseits bitte ich, dass sie Cervantes, den Quijote lesen. Ich bin überzeugt, dass unsere Welt ein bisschen besser, weniger blind und weniger egoistisch wäre.

Diese Freiheit, die ich Spanien verdanke, verdanke auch ich, wie alle Spanier und Nicht-Spanier, die wir auf diesem Boden leben, hauptsächlich dem König.

Ich, der ich vor Jahren bitter unter dem Sturz einer legitimen spanischen Regierung litt, der ich mein Leben lang überzeugter Demokrat gewesen bin, hätte mir niemals vorstellen können, eines Tages öffentlich und ehrlich einen König, eine Monarchen als solchen, das heißt für seinen Dienst als Staatsoberhaupt zu preisen. Heute mache ich es mit Inbrunst, und ich wünschte, dass alle Republiken Amerikas davon erfahren.

Das Gespenst des vereinsamten, von Schulden gedrückten Einarmigen wacht und weiß, dass ich nicht lüge, dass ich ehrlich die Wahrheit gesagt habe.

Ich bitte die Herren der Akademie um die Erlaubnis, einen alten lateinischen Satz zu zitieren: "Ubi Libertas Ibi Patria".

Gracias, Majestad; Gracias España.




(Juan Carlos Onetti, am 23.04.1981, anlässlich der Verleihung des Premio Cervantes durch die Real Academia Española. / In: Juan Carlos Onetti – Premio Cervantes 1980, Editorial Anthropos, Ministerio de Cultura, Madrid 1990.)