Peter Henning
"Je mehr ich an das Schicksal des Menschen denke, desto mehr neige ich zu Mitleid und Ironie", bemerkte einmal der am 30. Mai 1994 im spanischen Exil verstorbene uruguayische Schriftsteller Juan Carlos Onetti. Rechtzeitig zum 90. Geburtstag dieses noch immer großen Unbekannten der Weltliteratur liegen nun unter dem Titel "Willkommen, Bob" seine gesammelten Erzählungen vor.
Der Band birgt gut vierzig Kurzprosastücke, die die ganze Meisterschaft dieses zeitlebens ins Scheitern vernarrten "Kafka vom Rio de la Plata" eindrucksvoll belegen. Darin begegnen wir von ihren Träumen um den Verstand gebrachten Männern, aber auch Frauen, denen es längst die Sprache verschlagen hat. Existenzen, deren Dasein zur Farce geworden ist. Denn Onetti lesen, bedeutet düstere Bilanzen studieren. Onetti, 1909 als Sohn eines Zollbeamten in Montevideo geboren, gilt längst als der Vater des modernen lateinamerikanischen Romans. Arbeiten wie sein düster sperriger Erstling " Der Schacht" von 1939, das obskure Meisterwerk "Das kurze Leben" aus dem Jahr 1950 oder auch das jenseitig anmutende Possenspiel "Der Leichensammler" von 1964 begründeten seinen Ruf des erleuchteten Pessimisten und Ironikers. Denn dort, wo seine allersamt nachtdunklen Werke Mitleid und Ironie atmen, atmen sie immer auch Scheitern und Zerfall.
In der spanisch sprechenden Welt rangiert Onetti längst auf einer Stufe mit Borges oder Juan Rulfo; seine Entdeckung hierzulande freilich steht noch immer aus. Mit der Wucht metaphysischer Donnergrollen beschwören all seine Romane gleichnishaft das Gefühl der Leere und der Verlorenheit des Menschen in unruhiger Zeit. Dabei agiert Onetti stets auf einer Höhe mit seinen Geschöpfen. Sie alle bewegen sich in doppelgängerischen Welten, in welchen ihr Schöpfer sie stellvertretend erleiden lässt, was er selbst als den einzigen und unumgänglichen Fluchtpunkt der menschlichen Existenz begreift: das mal mehr, mal weniger spektakulär inszenierte Scheitern an sich.
Vor diesem Hintergrund lesen sich seine nun gesammelt vorliegenden Erzählungen als bisweilen hilfreiche Ergänzungen zu seinem überaus schwer entschlüsselbar erscheinenden Romanwerk. Erweitert um sieben, bislang in deutscher Übertragung nicht vorliegende Geschichten aus dem Nachlass, geht der Band auf die 1981 unter dem Titel "So traurig wie sie" erschienene Sammlung zurück, die bereits Onettis berühmtesten Erzählungen und Kurzromane enthielt. Und Onetti erweist sich auch in der Kurzprosa als der Beschwörer der störrischen Unbezwingbarkeit des Lebens. Wir begegnen wechselnden, vom Schicksal gebeutelten und um ihre Zukunft betrogenen Gestalten, die ihre jeweiligen grauen Existenzen wie Rollen in einer einzigen, endlosen Schmierenkomödie abspulen. Sie alle sind Opfer ihrer eigenen, nicht umkehrbaren Wandlungen, deren innere Mechanik anschaulich die Titelgeschichte "Willkommen, Bob" vorführt. Entrollt wird die Episode des jungen Bob, der mit dem um seine noch jungfräuliche Schwester Inès werbenden, deutlich älteren Erzähler abrechnet, um am Ende selbst "in der stinkenden Welt der Erwachsenen, in dem schmutzigen Leben der Menschen" unterzutauchen. Auch in den anderen Erzählungen begegnen wir ausnahmslos mehr oder weniger an den Rand der Verzweiflung getriebenen, die vergeblich von einem anderen, besseren Leben halluzinieren. So etwa die junge Prostituierte, die sich in der Episode "Mummenschanz" sekundenlang einem heileren und sinnvolleren Leben in die Arme träumt, um anschließend nur umso trauriger in die Realität ihrer trübsinnigen Profession zurückzukehren.
Sie alle - und die Riege der Onetti’schen Lebensstrauchler ließe sich spielend um diesen oder jenen Charakter erweitern - sind menschliches Strandgut; bald in Lavanda, bald in dem fiktiven Ort Santa Maria Anlandende, über deren Leben der lange Schatten der Niederlage liegt. Juan Carlos Onetti hat uns mit seinen kapitalen, rätselhaft sperrigen Romanen gewaltige Großaufnahmen des stumm-verzweifelten, von Geburt an mit dem Rücken zur Wand agierenden Menschen geschenkt. Seine Erzählungen nun - Vorstudien, Spielarten oder Teile der Romane - fügen sich in Klima und Stilistik da geradezu nahtlos an. Denn auch sie sind im Kern vor allem eines: finster poetische Testamente eines allzu früh in seiner Menschenliebe Enttäuschten - und eines schmerzgeschüttelten Sehers Widerwillen dazu