Die Tränen der dicken Dänin

Gustav Seibt

Der beste Einstieg ins Werk eines zu wenig gelesenen Autors

"Warten Sie bis zum Jahr 2000, wenn Onetti einer Revision unterzogen wird." Die Prophezeiung, die der uruguayanische Schriftsteller Juan Carlos Onetti (1909 bis 1994) immer auf Lager hatte, wenn eine Interviewfrage ihn besonders langweilte, hat sich bisher nicht erfüllt.
Das Bild dieses bedeutenden Erzählers wird nach wie vor in düsteren Tuschefarben gemalt: "Juan Carlos Onetti lesen, das heißt: es um sich finster werden zu sehen, das graue Rauschen einer unaufhebbaren Depression in den Ohren zu haben", befand Jörg Drews 1986 in einem verdienstvollen Aufsatz im "Merkur", der ersten umfassenden Stellungnahme eines deutschen Kritikers, und er folgte damit einer mittlerweile zum Gemeinplatz gewordenen Einschätzung. Nun wird kein gebildeter Leser einer kunstvollen Depression seinen Respekt versagen wollen. Trotzdem ist ein solcher Ruf für einen Schriftsteller mittlerweile nicht mehr nur förderlich. Die Schwermut hat schon bessere Tage gesehen.
Inzwischen ist es an der Zeit, auf andere Qualitäten hinzuweisen: auf Onettis Humor und seine Warmherzigkeit. Beides verträgt sich gut mit jener trostlosen Diagnose zur menschlichen Existenz, die zurecht als Untergrund dieses Erzählens erkannt wurde.

Symbol und Sinnlichkeit
In der Generationenabfolge der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts steht Onetti zwischen dem Urvater Borges und den heute noch lebenden Meistern Fuentes, García Marquez und Vargas Llosa, und das gilt auch ästhetisch.
Mit Borges teilt Onetti die Neigung zum fiktionsironischen Gedankenspiel und zum tiefsinnigen Symbol, mit den jüngeren den Verismus der erzählerischen Oberfläche, die Lokalfarbe, die starke Sinnlichkeit.
Die zehn Kurzgeschichten, die der Wagenbach Verlag in seiner ganz undepressiv rot gebundenen Geschenkreihe gesammelt hat, sind die unterhaltendste Lektüre, die man sich denken kann und der beste Einstieg ins Werk des zu wenig gelesenen Autors. "Ein verwirklichter Traum" heißt die Titelgeschichte, und sie berichtet von einer seltsamen, nicht mehr jungen, aber ungealterten Frau, die es sich in den Kopf gesetzt hat, einen Traum, bei dem sie besondere Glücksgefühle empfand, von einer Theatergruppe in Szene setzen zu lassen.
Doch was ist das für ein Traum? Es ist nur eine beliebe Szene des Lebens, das, was man einst "tranche de vie" nannte: Ein Mann überquert eine Straße, trinkt drüben ein Bier und kommt dann wieder zurück.
Dazwischen fahren zwei Autos vorbei. Dass die Auftraggeberin und einzige Zuschauerin dieser Trauminszenierung sich selbst in der Szene stellt und am Ende stirbt, ist fast zu viel der Symbolik; doch es kann die minimalistische Poesie dieser Geschichte nicht ernsthaft beschädigen.

Liebe in der Kunststadt
Kurzgeschichten darf man eigentlich nicht nacherzählen, sie sind zu kurz dafür. Am rührendsten ist eine Erzählung, die von einem Mann aus Onettis südamerikanischer Kunststadt Santa María handelt, der eine dänische Ehefrau hat, welche an unheilbarem Heimweh erkrankt ist.
Die vergeblichen Versuche des besorgten Ehemanns, dieses Heimweh zu lindern, stellen die Handlung dar. Komisch sind die Metaphern, mit denen sich der südliche Erzähler die Betrübtheit des fülligen nordischen Wesens an seiner Seite klarzumachen versucht: Die Dänin trägt ein Regengesicht, heißt es, "ein Gesicht von Statuen im Winter, das Gesicht von jemandem, der eingeschlafen ist und die Augen nicht geschlossen hat im Regen. Kirsten ist dick, sommersprossig, starr; vielleicht riecht sie schon nach Keller, nach Fischernetz; vielleicht bekommt sie den unbeweglichen Geruch nach Stall und Sahne, den es, so stelle ich mir vor, in ihrem Land geben muss." Depression? Ach was. Liebe ist das.