DIE ZEIT, 35/1999     [http://www.zeit.de/1999/35/BELLETRISTIK]
 

BELLETRISTIK

Von Iris Radisch

Juan Carlos Onetti: Das kurze Leben Roman, aus dem Spanischen von Curt Meyer-Clason, mit einem Nachwort von Durs Grünbein, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt 1999 435 S., 22,80 DM Weil das Leben nur in der Zeit stattfinden kann und die Zeit auf Kosten des Lebens lebt, liest man am besten Onetti. Das kurze Leben spielt in einem weltverlorenen Stück Welt, einem Paradies des Gleichmuts und einer Hölle aus rostigen Blechhütten, leeren Rampen und graugrünen Bohlen, erzählt von dauererotisierten Mittelständlern, die den Schein ihrer bürogerechten Existenz gegen die Angriffe der Wirklichkeit tapfer verteidigen, von der Hitze und dem Scheitern des Aufstands des Geistes gegen die Dummheit. Ein Epos über die südamerikanische und allzu menschliche träge Ratlosigkeit, über das kurze Leben, in dem wir Fett ansetzen, Kinder zeugen und Tee trinken, bis die Zeit zu Ende vergangen ist.

DIE ZEIT, 35/1999