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Die Freunde

Juan Carlos Onetti

Seitdem er sie mit der Mutter aus der Kathedrale kommen sah, verschwand er von den Freitagstreffen im Tupinambá. Wenn wir seine Nachbarin fragten, antwortete sie uns, er sei nicht krannk, sie höre ihn sich in der Kellerwohnung bewegen und jetzt, da die schöne Jahrezeit zurückäme würde er nach der Siesta wieder ausgehen, mit der Staffelei und seiner schmutzigen Schachtel mit Farben, um unveröffentlichte Sträßchen im Barrio Sur zu suchen.
Zweimal vor dem letztem besuchte ich die Kellerwohnung. Es war nicht mehr als das, mit einer abgelegenen Latrine, einem Fenster mit von einem Steinwurf herrührenden Loch und einem aus einer dunkelrot gefärbtem Sackleinentasche gefertigten Vorhang, von so ungleichmäßiger Form, dass er mich an ein kräftiges, fast unmögliches waagrechtes Erbrechen von Rotwein denken ließ. Das Bett versenkt, eine große Kiste als Tisch, eine schmutzige und nackte Glühbirne an der Decke baumelnd. Der Rest war ganz sein: Der Staub, in festen Dreck verwandelt durch den Regen, der durch das Loch in der Scheibe eindrang. Bemalte oder unberührte Pappen, alle von den Sommern gewelllt, die schmutzigen und alten Kleider verstreut über dem Boden aus Steinplatten, die einst rot waren. Und vor allem, das wirklich seine, um das ihn niemand in der Staats- oder Stadtgalerie betrügen konnte, der säuerliche Geruch, der Geruch nach krankem und gealtertem Körper, der abstoßende Geruch, den sich überlagernde, nicht gewaschene Schweißschichten bilden, die Mischung aus Achseln und müden Füßen.
So und dort wohnt Simón. Bis ich eines Tages von den Pseudokünstlern, die sich mit mir in dem Café trafen, bevollmächtigt wurde, die Losung der Nachbarin "er will niemanden, nicht einmal mich sehen" zu brechen und ihn in der Nische zur Rede zu stellen, damit er seine Abwesenheit erkläre.

In der Nacht der Entscheidung beschlossen wir, die langhaarigen Dichter ohne Publikationsmöglichkeit für Sonette, Elegien und Versbüchlein, die Picassos ohne Galerie, dass es, um den Frauenhass des Malers zu besänftigen, unumgänglich war, Geld zu sammeln und Zeus und Danae zu fälschen. Die großzügigsten waren die Verfasser von Plaqueten, welche ihre Familienangehörigen, Freundinnnen und die um unseren Café-Tisch Stehenden mit Aufwallung und Küssen lasen. Unter ihnen ich.
Wir sprachen mit dem Mitternachts-Geschäftsführer und erreichten, dass alle unsere Scheine in Fünfzig-Hundertstel- Münzen gewechselt wurden. Vor der Ankunft des anmassenden und peitschenden Mobs waren die Münzen so, darauf bestehe ich, fünfzig Hundertstel in Silber. Heute sind Münzen gleichen Durchmessers, Nennwert Fünf Millionen, im Umlauf, Kleingeld, so bleigrau wie die regnerische Abenddämmerung eines Montags im Winter.
Fünf passten in meine Auto und der Rest machte sich früher auf und ging zu Fuß. Gónzalo RamÌrez, zwischen Médanos und Ejido. Cafiani, erinnere ich mich, trug und verteidigte die Papiertüte mit den Kilos von argent. Wir warteten bis wir uns alle trafen; dort unten schien ein Kerzenlicht. Simón würde lesen oder hatte vergessen es zu löschen. Das kaputte Fenster war offen und die Hände, die Fäuste voller Münzen, passten durch den schwarzen rauhen Eisenbschlag.
Als Hernández "jetzt" flüsterte, steckte wir alle die Fäuste durch die Gitter und öffneten sie. Wie erschracken über den zerstreuten Lärm genau oder fast so sehr wie Simón, Leser oder schlafend, sich erschreckt haben muss. Gleich darauf rannnten wir bis Ejido, als ob wir etwas gestohlen hätten. Und wer weiß.
Wer weiß, denn als zwei Nächte später das Tribunal des TupÌ entschied, der Moment sei gekommen um von Simón Erklärungen bezüglich seiner Abwesenheit zu fordern, musste ich gehen, der Frau des "er will niemanden, nicht einmal mich sehen" eine Flegelei antworten und, mir mit den Schultern eine Weg durch den Gestank zu dem Verließ bahnend, wo Simón im Lichte einer Kerosin-Leuchte aus dickem verbeulten Weißblech ein Buch las. Ich brachte ihm eine Flasche Grapa, aber er hatte auch eine, fast voll, am Boden, neben dem steif gewordenen Arm.
Und jetz, war es wieder auch seine Schönheit des Traums mit offenen Augen, Gegenwart und Zukunft der unglaublichen Geschichte, geboren aus der Sklerose und den toten Flaschen, welche das Geschoss absteckten.
Die Geschichte, von dem konservierten Schmutz des Bettes aus von ihm erzählt, verteilt über einem löchrigen Kissen seine graue und aus Antipathie gegenüber Seife haartgewordene Mähne, hin und wieder ungelenk die flankierende Flasche hebend, schien er mir eine Rutschbahn, die mit seinem eigenen Bild begann, die Rambla entlang hinkend zwischen den Ruinen des Gaswerks und der schwerfälligen Form des englischen Gotteshauses. Er selbst das für immer kranke Bein nachziehend, die Staffelei, die Holzkiste, die unruhige, manchmal feixende Neugier der Kinder unterschiedlicher Hautfarben, die im Barrio Sur vegetierten. So sah ich ihn oft und es ist die Art, die ich bevorzuge, um mich seiner zu erinnern.
"Ich ließ es sein ó sagte er mit verschlungener Zunge ó mich mit euch im TupÌ zu betrinken, weil ein Suff im Café für mich sehr teuer wurde und ich Geld sparen musste von den achtzig erbärmlichen Pesos, die mir die Akademie als Pension und wie aus Mitleid gibt nach all den Jahren, die sie mir schuldet, Jahre des Zeichen- und Malunterrichts für starrsinnige Jungs die niemals Ahnung haben werden, denn diejenigen, auf die es ankommt, brauchen keine Lehrer um zu entdecken, wie sie sind und was sie machen wollen. Natürlich wurde ich in Italien geboren und konnte vieles sehen, bevor ich nach Amerika kam. Ich musste Geld sparen und es kam mir sehr viel billiger, Flaschen zu kaufen und mich alleine im Keller zu betrinken um den Blumenstrauß kaufen zu können, den ich jeden Mont schicke, wenn ich die ‹berweisung bekomme. Liebe. Niemand, nicht einmal du, der von einer zu anderen gehst, niemand kann es verstehen. Es zwingt dich zu Verrat, wie einige Tode. Und schon gibt es nichts mehr zu machen, weder zu stampfen noch zerstören zu wollen. Denn man weiß nicht, ob es eine Sache ist, die dich von außen schlägt oder etwas, was du schlummernd in dir trugst und manchmal für immer gestorben hieltest. Und was passiert dann. Du trugst sie in dir und in einem Moment, ohne jegliche Warnung, springt sie hervor und verteilt sich im ganzen Körper und man muss es akzeptieren und schlimmer noch, man muss sie nähren und schauen, das ihre Kräfte täglich wachsen, sie verpflichten, dass sie dich mehr leiden läßt. Und sie beachtet dich nicht wenn Du sagt das es unmöglich ist, denn sie antwortet kann sein dass ja aber du bist gzwungen diesen Schmerz nicht zu verlieren und weiterhin zu hoffen, mehr und mehr wenn Du weißt dass die Hoffnung vergeblich ist. Und alles so und oft, wenn du .... man weint und es ist als ob man sich über das Bett beuge um mit sich selbst Mitleid zu haben, so alt und krank und arm. Und dann ist es dir peinlich. Ich sah sie in der Kathedrale. Aber davor war sie in einer Ausstellung meiner Bilder gewesen und suchte eins aus, dass ihre Eltern sie nicht kaufen ließen, obwohl sie Millionen haben, die sie verschwenden könnten, damit Gott ihnen verzeihe diese Profil, dieses Haar, diesen Körper hervorgebracht zu haben. Aber sie musste Namen und Anschrift hinterlegen und so konnte ich sie, nachspührend, finden. Ich danke euch für das Geld, dass ihr wie kräftigen Hagel geworfen habt, denn jetzt spare ich für die Heirat.

Ich dachte an seine Bilder, an die Geometrie matter Schattierungen, gleich einer Erinnerung, und die verfallenen Häuschen aus so feindlichen Farben, die sich nur durch die Willensstärke von Ölen und Pinseln auf den Füßen hielten.
"Bis sie eines Tages ohne die Mutter aus der Kirche kam, und den Nieselregen kreuzend sagte ich zu ihr: Die Blumen; und sie lief weiter ohne mich zu hören und drehte sich um und fragte ohne mich anzuschauen oder mich mit Ekel anschauend: "Und Sie, woher wissen Sie?" Ich konnte ihr nur antworten: Ich, und viellecht hat sie verstanden und seitdem ist es als ob wir Freunde wären."
Cafiani hat ihn in vielen klaren oder regnerischen Nächten gesehen, starr, halb im Schatten, gegenüber den Lichtern des von dem Mädchen bewohnten Hauses. Das Gesicht, verzogen und unbewglich, immer wie versilbert durch das Wasser oder den Mond, und er sagte uns im Café: "So wie die Figur seines Unglücks in Zink." Cafiani schrieb Gedichte.




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