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Best of Interviews (deutsch)

Onetti und die Journalisten: Mal launig-gesprächig, mal wortkarg-brüsk, stets luzid, nie geschwätzig, spricht Onetti in den Interviews über Bücher und Schriftsteller, über Politik und Geschichte, über Liebe und Tod – also immer über das Thema seiner Literatur, "das absurde Abenteuer, das der Weg der Menschen über die Erde ist".

Hier eine sehr unvollständige Sammlung sehr kleiner Ausschnitte, von der Redaktion als "besonders empfehlenswert" gekennzeichnet:

Marcha: Welche Funktion erfüllt der Intellektuelle in unserer Gesellschaft, und welche Tätigkeit kommt ihm Ihrer Meinung nach zu?
Onetti: Er erfüllt keinerlei Aufgabe von gesellschaftlicher Wichtigkeit. Ihm gebührt Talent zu haben.
Marcha: Was – konkret – halten Sie für unabdingbar, damit die Kommunikation zwischen Schriftsteller und Publikum funktioniert?
Onetti: Freude des Wiederholens: Der Schriftsteller muss Talent haben.
(Marcha, Montevideo 27.5.1960)

El Popular: Wie muss, Ihrer Meinung nach, das sogenannte "Engagement des Schriftstellers" zum Ausdruck kommen?
Onetti: Es geht hier darum, auf eine von einer kommunistischen Tageszeitung organsierte Umfrage zu antworten. Es erheitert mich, dass Sie vielleicht kein besseres Beispiel als mich hätten finden können, um die krankhaften Gebrechen eines kleinbügerlichen, dekadenten Schriftstellers darzustellen. – Jemand erfand den Begriff und die Bestimmung des "engagierten Schriftstellers". Ich weiß nichts davon. Das einzige Engagement, dass ich akzeptiere, besteht im Beharren auf dem Anspruch, gut und besser zu schreiben. Mit Ehrlichkeit zu erzählen, wie das Leben ist, das kennenzulernen mir anstand, und wie jene Menschen sind, die dazu verdammt wurden, sich in Figuren meiner Bücher zu verwandeln.
(El Popular, Suplemento Cultural, Montevideo 26.1.1962)

Onetti: Ein Schriftsteller, der behauptet er richte sich an die Menschheit, ist entweder ein Falschspieler oder er irrt. Die angestrebte Kommunikation ergibt sich oder ergibt sich nicht. Eine Beigabe, für die der Autor nicht verantwortlich ist. Wer eine Nachricht verschicken will, möge sich – wie schon so oft gesagt – an einen Kurier-Dienst wenden.
(Guido Castillo: "Juan Carlos Onetti. Ahora en Montevideo", El País, Montevideo 28.1.1962)

Onetti: Es kotzt mich an, wenn die Leute, außer blöd zu sein, auch noch für die Zeitung schreiben. Sie etwa nicht? – Interviews ertrage ich nur mit Wein. – Meine Literatur ist eine Literatur der Güte. Wer es nicht merkt ist ein Esel.
Gilio: Könnten Sie das Schreiben sein lassen?
Onetti: Habe ich noch nicht ausprobiert.
Gilio: Warum schreiben Sie?
Onetti: Ich schreibe für mich. Mein Vergnügen, mein Laster, mein süße Strafe...
Gilio: Wie schreiben Sie?
Onetti: Ganz hervorragend.
Gilio: Antworten Sie ernsthaft!
Onetti: Ja, Madame. Ich verstehe Ihre Frage nicht.
Gilio: Mich interessiert, ob Sie mit einem vorab ausgearbeiteten Plan schreiben. Ob Sie genau wissen, wie die Geschichten enden.
Onetti: Ich weiß, was passieren wird. Ich weiß nicht, wie es passieren wird. Wenn ich es wüsste, würde ich es nicht schreiben.
(María Esther Gilio, "Un monstruo sagrado y su cara de bondad", La Mañana, Montevideo 20.8.1965)

Gilio: Ich komme wegen einem Interview.
Onetti: Schon wieder? Es sind kaum sechs Monate vergangen seit dem letzten.
Gilio: Haben Sie den Eindruck, dass die Kritiker Sie nicht richtig interpretieren?
Onetti: Wenn sie unter "korrekter Interpretation" "umfassende Interpretation" verstehen, dann sage ich Ihnen, dass dies nie der Fall ist. Nicht einmal in der Liebe. Außerdem verstehen die Kritiker, die mir wichtig sind, viel mehr von Literatur als ich. Wo sind meine Zigaretten? – Schauen Sie, da läuft ein Schiff aus.
Gilio: In Ihrem letzten Buch...
Onetti: Das muss der englische Tanker sein, der vor ein paar Tagen anlegte.
Gilio: Identifizieren Sie sich mit dem Protagonisten aus Der Schacht, wenn er sagt: "Ich bin ein einsamer Mann, der raucht, an irgendeinem Ort der Stadt"?
Onetti: Ja, mit diesem und mit vielen anderen Protagonisten. Wurde Ihnen nicht gesagt, dass die Kunst ein ewiges Bekenntnis ist?
Gilio: Sind Sie immer noch dieser Einsame?
Onetti: Wie alle. Der Unterschied besteht darin, dass sich einige dieser Einsamkeit bewusst sind und andere sich ablenken.
Gilio: Haben Sie ein Ahnung, warum Ihre Handlungen von den Leuten nicht verstanden oder nicht akzeptiert werden?
Onetti: Der Grund könnte sein, dass ich immer sage was ich denke, und stets versuche das zu tun was ich will. Den Rest lassen wir... Ich kenne Personen, die mich akzeptieren und verstehen. Mit ihnen lebe ich.
Gilio: Sie identifizieren sich oft mit Díaz Grey, stimmt’s? Sie teilen natürlich seine Theorie der Angst, die er in Leichensammler darlegt. Falls es Ihnen nicht zu viel Arbeit macht: erweitern Sie sie mir.
Onetti: Ich identifiziere mich, ich teile und es würde mir viel Arbeit machen.
Gilio: Diese Narren, die in Ihrer Literatur (Jakob und der andere, Geschichte des Rosenkavalliers) immer Recht haben gegenüber den Klugen: sind sie ein Symbol für das, was in der Welt vorgeht?
Onetti: Nicht im Geringsten: sie haben Recht, aber selten Erfolg. Hier passt zu erklären, dass für mich die Klugen die Narren sind, die erdrückende riesige abendländische, christliche, demokratische, korrekte und heuchleriche Mehrheit. Und umgekehrt.
Gilio: In Liebesbeziehungen, denen eine Zukunft innewohnen kann, erscheinen Ihre weiblichen Figuren mit einem Defizit bezüglich ihrer vollständigen Entwicklung als Frau (es sind Jugendliche, Verrückte). Zeigt dies eine Angst vor der absoluten Reife der Frau?
Onetti: Außerhalb des Bettes beantworte ich keine Fragen über oder bezüglich der Liebe.
(María Esther Gilio: "Onetti y sus demonios interiores", Marcha, Montevideo 1.7.1966)

Onetti: ...womit langweilen wir uns heute?...
Cousté: Sind Sie gereist?
Onetti: Ich war nie in Paris. Um die Sehnsucht danach nicht ertragen zu müssen.
Cousté: Ihre Romane...
Onetti: Sie finden in Santa María statt.
Cousté: Erzählen Sie was über Ihr Leben.
Onetti: Mein Leben? Unzureichend für eine Reportage. Alles in allem uninteressant. – Das Leben ist sinnlos, sobald man sich auf Tätigkeiten, Aufgaben festlegt. Es gibt nichts zu tun. Und man stößt zufällig auf die Liebe, den Ruhm oder die Freude. Der Fehler kommt später, wenn man nicht akzeptiert, dass diese Momente unwiederbringlich sind, und sich darauf versteift so zu leben, als habe man sie für immer erlangt.
(Alberto Cousté: "Historia en dos ciudades", Primera Plana, Buenos Aires, 17.10.1967)

Onetti: Den Europäern gefällt das Bunte, Typ Asturias, aber dem Universellen, Beispiel Cortázar, schenken sie keine Beachtung, ganz so, als ob sie es für sich reserviert hätten. Im Moment scheint Europa eine Phase des Niedergangs zu durchschreiten. Oder des intellektuellen Exzesses. In der Literatur zählt vor allem die Schreibtechnik, wie es Robbe-Grillet vormacht. Damit kann ich nichts anfangen. Für mich ist das Trickserei. Etwas völlig Intellektualisiertes. Für mich muss ein Roman etwas Vollkommenes sein, eben ein Kunstwerk... Es ist seltsam, was jetzt mit den lateinamerikanischen Schriftstellern passiert: Neunzig Prozent derer, die überhaupt interessieren, zählen zur Linken, und man müsste annehmen, dass ihr Anliegen eine weitreichendere Kommunikation zwischen Schriftsteller und Leser ist. Aber mit diesem absurden Übermaß an Technik produzieren sie eine Literatur der Inkommunikation; zumindest laufen sie diese Gefahr.
Gelman: Man sagt, Sie seien schon jenseits von Gut und Böse; dass Sie der Literaturbetrieb, die Machenschaften der Verlage, vielleicht sogar die Literatur selbst, einen Pfennig interessiert.
Onetti: Der Literatubetrieb ist so etwas wie ein Jahrmarkt: mit den Lobreden, dem Eigenlob, dem Gegenlob, den Neidereien etc. Das passt einfach nicht zu mir. Ich verurteile es nicht moralisch; ich sage einfach: nicht mit mir. Abgesehen davon: Es machte mich jedesmal krank, auf einem Kongress in Mexiko, wenn man mich mit Maestro Onetti ansprach. Maestro, Lehrmeister?? Das trifft, scheint mir, perfekt auf ein Person zu, die indoktrinieren will, Bernand Shaw zum Beispiel. Auch Sartre arbeitet wie ein Lehrmeister. Aber ich. Noch nie interessierte mich, zu belehren.
Gelman: Warum schreiben Sie?
Onetti: Weil ich Lust dazu habe.
Gelman: Wann wurde Ihnen bewusst, Schriftsteller zu sein?
Onetti: Als die Reporter begannen, mir auf die... Ich fühle mich nicht als Schriftsteller. Nicht einmal wenn ich schreibe. Für mich ist schreiben ein Laster, eine Manie. Schreiben macht glückllich, ich fühle mich unglücklich, wenn ich nicht schreibe... drei Dinge, die mir widerfuhren, mir widerfahren, die eins sind: eine süßer, wohldosierter Rausch; lieben; schreiben.
Onetti: Mich erheitern diejenigen, die von sich sagen 'egal, ob man mich versteht'. Es gab eine Zeit, da dachte ich auch: 'Wer mich nicht versteht, hat Pech gehabt, was kümmert's mich...' Aber heute, vielleicht weil ich alt bin, wäre mein Motto, der Leitspruch auf meinem Wappen: 'Wer es nicht schafft, sich verständlich zu machen, hat Pech gehabt'.
Gelman: Was denken Sie über ihre Bücher?
Onetti: Das Problem ist, dass ich nicht ein einziges wieder gelesen habe. Hin und wieder, wenn man mich nach einem Lebenslauf fragt, überfliege ich ein paar Seiten, um nicht völlig falsch zu antworten.
Gelman: Okay, aber was halten sie von all dem?
Onetti: Der wichtigste Eindruck, den ich von meinen Büchern habe, ist der Eindruck von Ehrlichkeit. Der Eindruck, immer Onetti gewesen zu sein, nie Tricks verwendet, nie weder mich selbst noch andere betrogen zu haben. Alle Schwächen, die sich in meinen Büchern finden, sind meine Schwächen, sind wahre Schwächen.
Gelman: Glauben Sie, dass die Menschen lauter, ehrlich, rein sind?
Onetti: Ich glaube, jeder hat ein Zone der Reinheit. Manchmal stirbt sie, für immer. Manchmal, misteriöserweise, erwacht sie wieder zu Leben. – – Und jetzt kommt der Sommer. Die Uruguayer werden an den Strand gehen, und nichts wird sich tun. Es tut sich nichts.
(Juan Gelman: "Siempre Onetti", Confirmado, Buenos Aires, 9.11.1967)

CO: Wie war das mit Ihrer Kolumne "Periquito el Aguador"?
Onetti: Schuld daran war Quijano. Aber da die ganze Welt weiß, dass die Katastrophen, die das Land in den letzten dreißig Jahren erlitt, von Quijano mit Marcha und durch Fernüberwachung hervorgerufen wurden, wird eine Schuld mehr – auch so eine schwere wie diese – sein Gewissen kaum belasten. In der heroischen Epoche der Zeitung (1939/40) erfüllte der Unterschreibende bequem seine Redakteurspflichten, denen er lediglich 25 Stunden täglich widmete. Quijano kam auf die Idee, Lose zu schreiben, und mir fiel es zu, die Stunden des Müßiggangs darauf zu verwenden, eine Kolumne mit literarischem Allerlei zu ersinnen, natürlich national und anti-imperialistisch. Ich erinnere mich zu Quijano gesagt zu haben, als schüchterne Entschuldigung, von der Existenz einer nationalen Literatur nichts zu wissen. Worauf er fluchend antwortete, dass es ihm mit der Politik genauso gehe und dass er trotzdem und dennoch in der Lage sei, einmal wöchentlich ein kleines und mathematisches Editorial über das Nichts zu schreiben. So wurde Periquito el Aguador geboren, genötigt, seinen wöchentlichen Stein in die Trostlosigkeit der leeren Pfütze zu werfen.
(Capítulo Oriental, Montevideo 10/1968)

Calderón: Aus ihrem Werk lässt sich ein vollkommenes Bild von Onetti ableiten: bitter, skeptisch, spöttisch, einsam, scheu, gotisch. Was ist das wahre Gesicht von Onetti?
Onetti: Die sechs Adjektive erscheinen mir treffend. Die sechs Antonyme passen auch.
Calderón: Haben sie eine Arbeitsmethode?
Onetti: Keinerlei Methode. Wenn die Attacke, die Lust zu schreiben, stärker wird als die Faulheit und der Müßiggang mittels diverser Ablenkungen, dann schreibe ich, bis wieder Normalität einkehrt.
Calderón: Was raten Sie den jungen lateinamerikanischen Autoren?
Onetti: Wie schon jemand sagte, an dessen Name ich mich leider nicht erinnere, gibt es zwei Gruppen von Schriftstellern: Diejenigen, die Schriftsteller werden wollen, und diejenigen, die schreiben wollen. Es genügt, ein paar ihrer Seiten zu lesen, um sie zweifelsfrei zuzuordnen. Den ersteren empfehle ich, sich zu beeilen. Denn laut Lord Keynes, einer meiner meist bewunderten Stilisten, ist ein Boom gekennzeichnet von seiner kurzen relativen Dauer. Die der zweiten Gruppe brauchen keine Ratschläge.
Calderón: Welche Schriftsteller bewundern Sie, und mit welchen können Sie nichts anfangen?
Onetti: Die Zahl der Schriftsteller, die ich bewundere, ist enorm, imstande das Telefonbuch von Santa María zu füllen. Einige würde man als absurd bezeichnen, unwürdig ein Telefon zu besitzen. Das gleiche gilt für die anderen.
(Alberto Calderón: "Onetti – inocente del éxito", Ercilla, Santiago de Chile, 29.8.1969)

Marcha: Worin besteht ihre wichtigste Aufgabe als Direktor der städtischen Bibliotheken?
Onetti: Gelder zu beantragen, um Bibliothekare einzustellen und Bücher zu kaufen.
Marcha: Glauben Sie an die Möglichkeit der Erziehung der Bevölkerung mittels der Stadtbibliotheken?
Onetti: Si, Lavalleja, ja, wir glauben daran. Aber wir müssten in die Offensive gehen.* Der Haushalt der Stadt sieht zehn Millionen Pesos für kulturelle Aktivitäten vor. Aber er schreibt nicht einen Centavo für den Erwerb von Büchern für die 18 Stadtbibliotheken vor. Leicht zu verstehen sind die Schwierigkeiten, zu definieren, was und was nicht kulturelle Aktivität ist. Die Anekdoten sind zahlreich, und ich schwöre Ihnen, sie sind witzig. Aber ich hebe sie mir auf für das halbpostume Buch, das ich gerade schreibe, betitelt "Begrabener, erheben Sie sich," für das es bereits Interessenten in Andorra und Monaco gibt.
Marcha: Gibt es eine große Ähnlichkeit zwischen der Situation von Horacio Quiroga als uruguayischem Konsul in Misiones und derjenigen von Juan Carlos Onetti als Direktor der städtischen Bibliotheken?
Onetti: In Bezug auf die große Ähnlichkeit muss ich Ihnen sagen, dass Quiroga Talent hatte; gemein sind uns allein die Mittelklasse-Beschwerden, der Kampf gegen Aufgaben und Ungeziefer sowie ein großes geheimes Lachen.
(Marcha, Montevideo, 2. 10.1970)

*Juan Antonio Lavalleja, uruguayischer Nationalheld, General im Unabhängigkeitskampf. Sein Sieg 1827 bei Itzuaingo, mit angeblich nur 33 Mitstreitern, über ein brasilianisches Heer, hatte den Friedensvertrag zur Folge, mit dem die bis dahin abwechselnd argentinische und brasilianische Provinz Uruguay den Rang eines selbstständigen Staates erlangte.




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