Juan Carlos Onetti
I. Santa Rosa
"Verrückte Welt", sagte noch einmal die Frau, als zitiere, als übersetze sie. Ich hörte sie durch die Wand. Ich stellte mir ihren Mund vor, wie er sich vor dem nach gärenden Nahrungsmitteln riechenden eisigen Atem des Kühlschrankes bewegte oder vor dem braunen Holzperlenvorhang, der vermutlich steif zwischen dem Abend und dem Schlafzimmer hing und die Unordnung der jüngst eingetroffenen Möbel verdunkelte. Zerstreut lauschte ich den abgehackten Sätzen der Frau, ohne an das zu glauben, was sie sagte.
Als ihre Stimme, ihre Schritte, ihr Morgenrock und ihre dicken Arme – so stellte ich sie mir vor – von der Küche ins Schlafzimmer wanderten, wiederholte ein Mann einsilbige Worte, stimmte zu, ohne sich völlig dem Spotten zu überlassen. Die Hitze, welche die Frau im Gehen durchschnitt, schloss sich wieder, füllte die Ritzen und legte sich schwer auf alle Zimmer, auf die Hohlräume der Treppen, in die Ecken des Gebäudes.
Die Frau ging in dem einzigen Raum der Wohnung nebenan auf und ab, ich hörte sie vom Bad aus, den Kopf unter den fast unhörbaren Regen der Dusche gebeugt.
"Auch wenn es mir das Herz in winzige Stücke zerreißt", sagte die Stimme der Frau leicht singend, nach jedem Satz den Atem anhaltend, als tauche jedes Mal ein hartnäckiges Hindernis auf, um sie davon abzuhalten, etwas zu bekennen, "schwöre ich, werde ich ihn nicht auf den Knien anflehen. Er hat es so gewollt, und nun hat er es. Auch ich habe meinen Stolz. Auch wenn es mir weher tut als ihm."
"Komm, komm", sagte der Mann versöhnlich. Kurze Zeit lauschte ich der Stille in der Wohnung, in dessen Mitte jetzt Eisstückchen in Gläsern quirlten. Der Mann war vermutlich in Hemdsärmeln, vierschrötig und dicklippig; sie zog nervöse Grimassen, trübselig wegen des Schweißes, der ihr von der Oberlippe und der Brust rann. Und ich, auf der anderen Seite der dünnen Wand, stand nackt da, von Wassertropfen berieselt, fühlte, wie sie verdampften, ohne mich zu entschließen, das Handtuch zu nehmen, und blickte in das dämmrige Zimmer jenseits der Tür, in dem die gestaute Hitze das saubere Laken des Betts umstrich. Jetzt dachte ich absichtlich an Gertrudis, an die liebe Gertrudis mit ihren langen Beinen, an Gertrudis mit einer alten, weißlichen Narbe auf dem Bauch, an die wortkarge, blinzelnde Gertrudis, die ihren Groll mitunter wie Speichel schluckte, Gertrudis mit dem goldenen Röschen im Ausschnitt ihrer Abendkleider, Gertrudis, die ich auswendig kenne.
Als die Stimme der Frau wiederkehrte, dachte ich an die Aufgabe, ohne Missfallen die neue Narbe anzusehen, die Gertrudis auf der Brust tragen würde, rund und kompliziert, mit rotem oder rosafarbenem Geäder, das die Zeit womöglich in das bleiche Gewirr von der Farbe der anderen verwandeln würde, zart und glatt, flink wie eine Unterschrift, die Gertrudis auf dem Bauch trug und die ich so oft mit der Zungenspitze erkundet hatte.
"Es kann mir das Herz zerreißen", sagte die Frau nebenan, "und ich werde wahrscheinlich nie mehr die gleiche sein wie vorher. Wie oft hat Ricardo mich in diesen drei Jahren dazu gebracht, dass ich wie eine Wahnsinnige weinte. Es gibt vieles, was Sie nicht wissen. Was er mir diesmal angetan hat, war nicht schlimmer als was er mir vorher angetan hatte. Aber nun ist Schluss."
Wahrscheinlich war sie in der Küche, hockte vor dem Eisschrank, suchte nach etwas und kühlte sich mit der eisigen Luft, in der ölige Gemüsegerüche gerannen, Gesicht und Brust.
"Ich tue keinen Schritt, auch wenn es mir das Herz zerreißt. Auch wenn er mich auf den, Knien anfleht."
"Sagen Sie sowas nicht", sagte der Mann. Er war wohl geräuschlos bis zur Küchentür gegangen und einen behaarten Arm an den Türrahmen gelehnt, mit dem anderen angewinkelten sein Glas haltend, blickte er auf den kauernden Körper der Frau hinunter. "Sagen Sie sowas nicht. Wir alle haben Fehler. Wenn er, sagen wir... Wenn Ricardo Sie bitten würde..."
"Ich weiß nicht, was ich sagen soll, glauben Sie mir", bekannte sie. "Ich habe seinetwegen so sehr gelitten! Wollen wir noch ein Glas nehmen, ja?"
Sie mussten in der Küche sein, denn ich hörte Eisstücke im Ausguss aufschlagen. Wieder stellte ich die Dusche an und bewegte die Schultern unter dem Wasserstrahl, während ich an den etwa zehn Stunden zurückliegenden Vormittag dachte, als der Arzt mit mehreren Schnitten behutsam oder mit einem einzigen, nicht weniger behutsamen Schnitt Gertrudis' linke Brust amputierte. Er musste gefühlt haben, wie das Skalpell in seiner Hand zitterte, wie die Klinge durch weiches Fettgewebe plötzlich in derbes, festes Drüsengewebe drang.
Die Frau seufzte und lachte los; ein vom Geräusch der Dusche verzerrter Satz drang zu mir:
"Wenn Sie wüssten, wie satt ich die Männer habe!" Sie entfernte sich vom Schlafzimmer und trommelte gegen die Balkontüren. "Aber sagen Sie mir eines: wann kommt endlich das Santa-Rosa-Gewitter?"
"Es müsste heute kommen", sagte der Mann, ohne ihr zu folgen, und hob die Stimme. "Keine Sorge, es bricht noch vor dem Morgengrauen los."
Nun entdeckte ich, dass ich seit einer Woche das gleiche dachte, entsann mich meiner Hoffnung auf ein unbestimmtes Wunder, das mir den Frühling bringen würde. Seit Stunden summte ein Insekt, verwirrt und wütend zwischen dem Wasser der Dusche und der letzten Helligkeit der Fensterluke. Wie ein Hund schüttelte ich das Wasser ab und blickte in das Dämmerlicht des Zimmers, in dem die eingepferchte Luft pochen musste. Bs würde mir unmöglich sein, das Drehbuch zu schreiben, von dem Stein mir gesprochen hatte, solange ich nicht die abgeschnittene Brust vergessen konnte, nun formlos, wie eine Schirmqualle auf dem Operationstisch eingesunken, sich darbietend wie ein Napf. Es war mir unmöglich, sie zu vergessen, auch wenn ich mir immer wieder sagte, dass ich nur so getan hatte, als wolle ich daran, an dem Ding trinken. Ich war gezwungen zu warten, und die Armut mit mir. Und alle am Santa-Rosa-Tag, das unbekannte Flittchen nebenan, das soeben in die Nachbarwohnung gezogen war, das Insekt, das in der von der Rasierseife parfümierten Luft schwirrte, alle die, welche in Buenos Aires wohnten, waren mit mir dazu verdammt zu warten, ob sie es wussten oder nicht, in der bedrohlichen, unheilverkündenden Hitze wie Idioten keuchend, auf das kurze großsprecherische Gewitter und den bevorstehenden Frühling lauernd, der sich von der Küste einen Weg bahnen würde, um die Stadt in ein fruchtbares Land zu verwandeln, wo plötzlich und vollkommen, wie ein Akt der Erinnerung, das Glück erscheinen könnte.
Die Frau und der Mann waren wieder außer Hörweite in das Zimmer gegangen. Beim Verlassen der Küche hatte sie gesagt;
"Einen Wahnsinn wie den unseren hat es noch nie gegeben, das schwöre ich Ihnen."
Ich stellte die Dusche ab, ich wartete, bis das Insekt näherkam und ich es mit dem Handtuch erwischen und auf dem Ausguss zerquetschen konnte und ging nackt und tropfend ins Schlafzimmer. Durch die Jalousie sah ich die Nacht vom Norden her dunkeln, ich zählte die Sekunden zwischen den Blitzen. Ich steckte zwei Pfefferminzpastillen in den Mund und warf mich aufs Bett. ... Brustamputation. Eine Narbe kann man sich wie einen unregelmäßigen Schnitt in einem dickwandigen Napf vorstellen, enthaltend eine regungslose, rosenrote, bläschenbedeckte Substanz, die den Eindruck vermittele flüssig zu sein, wenn wir die sie beleuchtende Lampe zum Schwanken bringen. Man kann sie sich auch vorstellen, wie sie nach vierzehn Tagen einem Monat nach dem Eingriff aussieht mit einem Schatten von Haut, die sich durchsichtig darüber spannt, so fein, dass niemand es wagen würde die Augen längere Zeit darauf zu heften. Später deuten sich allmählich Palten an, bilden und verändern sich; nun ist es möglich, die Narbe heimlich zu betrachten, sie irgendwann nackt zu überraschen und vorauszusagen, welche Faltengebilde, welehe Zeichnungen, welche rosafarbenen und weißen Töne vorherrschen und bleiben werden. Überdies würde Gertrudis eines Tages in der Frühlings- oder Sommerluft des Balkons wieder grundlos lachen und mich mit glänzenden Augen einen Augenblick lang fest ansehen. Dann würde sie den Blick senken und die Mundwinkel leicht herausfordernd zu einem Lächeln verziehen. Jetzt würde der Augenblick meiner rechten Hand kommen, die Stunde der Posse, in der Luft genau eine Form und einen Widerstand zu drücken, die nicht da und von meinen Fingern noch nicht vergessen worden waren. Meine Handfläche wird Angst haben, sich übermäßig zu wölben, meine Fingerspitzen werden über die rauhe oder schlüpfrige, unbekannte, keine Intimität verheißende Oberfläche der runden Narbe gleiten müssen.
"Verstehen Sie. Es ist nicht wegen des Festes oder wegen der Tanzerei, sondern wegen der Geste", sagte die Frau auf der anderen Seite der Wand, nahe und über meinem Kopf. Vielleicht lag sie wie ich auf dem Bett, in einem gleichen Bett wie dem meinen, das tagsüber in der Wand verborgen und abends unter verzweifeltem Gekreische seiner Federn ausgegraben werden konnte; der vierschrötige Mann mit dunklem, gesträubtem, verbissenem Schnurrbart hockte vielleicht eingeknickt, trinkend und schwitzend, in einem Sessel, Gefangener eingebildeten Respekts, neben den nackten Füßen der Frau. Er würde sie ansehen, wenn sie sprach, nickend, ohne ein Wort zu sagen; würde gelegentlich die Augen abwenden, fasziniert von den rotlackierten Fußnägeln, von den kurzen Zehen, die sie gedankenlos im Takt bewegen würde.
"Was schert mich der Karneval, verstehen Sie! In meinem Alter dreht man wegen einem Ball nicht mehr durch. Es war aber der erste Karnevalsball, auf den wir gemeinsam gehen wollten, Ricardo und ich. Ich sag's Ihnen, wie ich es ihm ins Gesicht gesagt habe, er hat sich wie ein Hundesohn aufgeführt. Was hätte es ihn gekostet, mir zu sagen, er könne nicht, 'schau, ich hab Wichtigeres zu tun' oder 'ch hab keine Lust' – sagen Sie mir das! Wenn er zu mir kein Vertrauen hat, zu wem soll er denn sonst welches haben? Eine Frau betrügt man nie; sehr oft spielen wir die Betrogenen, gewiss, aber das ist nicht dasselbe."
Sie lachte ohne Bitterkeit zwischen zwei Hustern.
"Ich könnte Ihnen sogar Namen nennen, er würde auf den Rücken fallen, wenn er die Dinge erführe, die ich von ihm weiß, die ich aber ihm gegenüber aus Diskretion verschwiegen habe. Der hat ja keine Ahnung. Aber sagen Sie mir, ob das nicht etwas anderes ist, eine Karnevalsnacht, der erste Ball, auf den man gemeinsam gehen will. Es schlägt elf, es schlägt zwölf, und der Señor erscheint nicht. Ich habe sogar zur Dicken gesagt, wie schade ich es fände, dass Ricardo sich nicht einmal so spät loseisen konnte. Schade für ihn, versteht sich, denn er kam um eine amüsante Nacht. Ich war als altmodische Dame verkleidet, ganz in Schwarz mit weißen Haaren."
Die Frau lachte, lachte dreimal schallend heraus; im Gegensatz zu ihrer ängstlichen Stimme, die unerwartet abbrach, um das Ende jedes Satzes zu unterstreichen, schien ihr Lachen unterdrückt gewesen zu, sein, sich lange Zeit angesammelt zu haben und nun, wie ein schwaches Wiehern stoßweise hervorzubrechen.
"Die Dicke, die Arme, war grün vor Wut. Unsretwegen hatte sie die Pestnacht versäumt, endlich ging sie fort. Es war hellichter Tag, als ich in dem großen Sessel sitzend erwachte (ich weiß nicht, ob Sie ihn je gesehen habe), den wir in Belgrano besaßen, meine Perücke war mir vom Kopf gerutscht und der riesige Jasminstrauß lag auf dem Boden, Bei der Hitze – und alles zugesperrt, es war wie bei einer Totenwache."
'... Und hier wird Gertrudis, nun halb tot', so dachte ich, 'wieder zu Kräften kommen, wenn alles gut geht. Mit diesem ekelhaften Tier auf der anderen Seite der Wand, die aus Papier zu sein scheint. Immerhin, wenn ich sie morgen im Sanatorium sehe, wenn sie sprechen kann, wenn ich sie sehen kann, wenn ich sehe, dass sie noch nicht sterben wird, kann ich ihr zumindest die Hand drücken und ihr lächelnd sagen, dass wir bereits Nachbarn haben. Denn wenn sie sprechen oder mir zuhören kann und nicht zu sehr leidet, werde ich ihr nichts Wichtigeres zu sagen haben, nichts wichtigeres als die Nachricht, dass jemand nebenan eingezogen ist ins Appartement 4. Sie wird lächeln, Fragen stellen, wird sich erholen, nach Hause zurückkehren. Und es wird der Augenblick meiner rechten Hand kommen, der Lippe, des ganzen Körpers, der Augenblick der Pflicht, des Erbarmens, die Schreckensangst zu demütigen. Denn der einzige überzeugende Beweis, die einzige Quelle des Glücks und des Vertrauens, die ich ihr zu spenden vermag, wird sein, dass ich ein von Begierde verjüngtes Gesichtz bei hellem Licht hebe und auf die verstümmelte Brust senke, sie küsse und mich wahnsinnig errege.'
"Es ist keine Laune", sagte d ie Frau jetzt in der Türe. "Diesmal ist es aus, für immer."
Mit trockenem, glühendem Körper stand ich auf; ausrutschend und in der Hitzer den Kopf hängen lassend, trtat ich zum Spion der Wohnungstür.
"Sie werden sehen, es renkt sich alles ein", wiederholte der Mann beruhigend, unsichtbar.
Ich sah die Frau, sie trug keinen Morgenrock, sondern ein dunkles, hautenges Kleid, aber die nackten Arme waren dick und weiß. Während sie weiter den Mann anlächelte, der mir jetzt eine graue Schulter zukehrte und die dunkle Krempe des aufgesetzten Hutes, wiederholte ihre Stimme, die wie von Watte gedämpft sich in sanftem Ersticken widersetzte, immer wieder, jetzt sei nichts mehr zu ändern.
"Sie können sicher sein. Sie dürfen’s mir glauben. Am Ende wird man müde. Oder etwa nicht?"