Juan Carlos Onetti
Alle hatten wir dieselbe Nachricht erhalten, dasselbe unglaubliche Angebot. Und da waren wir; zu sechst, dazu natürlich er, denn die Zusammenkunft fand in seiner Wohnung statt. Charlies briefliche oder telefonische Einladung sagte uns, am Freitag sieben Uhr abends - den Sonntag möchte ich euch nicht verderben - beginne ich mich umzubringen. Zum Teufel mit dem, der mich hängenläßt, denn er wird keine Gelegenheit mehr haben, es wiedergutzumachen. Zu essen, zu trinken gibt es reichlich.
Zu sechst waren wir anwesend bei dem, was wir für einen exhibitionistischen Jux hielten. Ich erfuhr, daß andere Eingeladene über den Scherz nur gelacht hatten. Das Wetter war schön und dunstig, und sie hatten wohl vorgezogen, der Stadt zu entfliehen.
Ich kam etwas später, ein paar Minuten, und grüßte mit dem Kopf und einem Lächeln hier und da. Vielleicht habe ich Marta auf die Wange geküßt, denn sie war die Hübscheste, und ich habe sie immer in aller Gemächlichkeit begehrt. Außerdem war der Geruch, der Duft, den ihr Ausschnitt verriet, eine Provokation, deren sie sich bewußt ist und die sie amüsiert.
Charlie saß auf dem Sofa, mit einer Frau an jeder Seite. Er grüßte mich lächelnd, hob eine Hand. In seinem Rücken an der Wand hing ein großer Spiegel.
Wir Gäste, vier Mädchen und zwei Männer - Brausen und ich -, machten es uns irgendwie bequem, die beiden auf dem Sofa, die zwei anderen auf komischen weißen Gartenstühlen. Er hatte die Wohnung nach seinem befremdlichen Geschmack eingerichtet. Die Mädchen hielt ich durch Namen auseinander, aber auch durch Farben. Meine Aufgabe, mein Part hier, war schwierig und mühsam.
Keine war über dreißig. Die im kurzen grünen Kleid fabrizierte ein fast überzeugendes Lächeln und sagte: "Charlie, was soll denn dieser Blödsinn? Immer wieder der alte Komö diant."
"Vor einer Woche noch", antwortete er, "hast du mich weder Charlie noch Komödiant genannt. Doch, manchmal Clown. Das war Samstag, nicht? Damals hast du mir andere Namen zugeflüstert. Vielleicht die gleichen, die die anderen drei hier in glücklicheren Zeiten gebraucht haben. Namen, die ich nicht wiederhole, damit du nicht rot wirst."
Das Mädchen wurde rot. María del Carmen, die im himmelblauen Kleid, erhob sich, griff ihre Handtasche, die sie auf dem Boden abgestellt hatte, ging langsam aus dem Zimmer, schloß geräuschlos die Tür.
Blieben noch drei Frauen. Enriqueta, die Errötete. Isabel, tabakfarbenes Schneiderkostüm und Krawatte. Ich hatte immer so meine Vermutungen. Aurora, mit Arbeiterhose, Lederjacke und kunstvoll verzotteltem Haar. Aurora, beziehungsweise ihr Vater, hatte viele Millionen, aber nie wurden sie vorgeführt oder auch nur gezeigt. Die feinen Leute.
Wir alle waren Freunde seit einem Ausflug und längeren Besuch, den wir einem Haus abstatteten, das Aurora am Strand besaß. Untereinander austauschbare Freunde, aber - ich schreibe es mit Traurigkeit - niemand verliebte sich in niemanden, wenn auch Charlie sich mit Natalia verheiratete, die sich geweigert hatte, dem in Aussicht gestellten langsamen Selbstmord zuzusehen.
Charlie erhielt das Lächeln eine Minute lang aufrecht. Er zählte, wie viele wir waren. Zuweilen trug er einen Schnurrbart, den er abrasierte und der wiederkam, und dieser Wechsel färbte jeweils, aber nicht allzusehr, auf den Ausdruck seines Gesichts ab. "Dann ist also", sagte er mit resignierter Stimme, "Natalí nicht gekommen. Immer bereit, eheliche Pflichten zu erfüllen. Aber diese endgültige und so andere, die nicht."
Er äußerte ihren Namen mit einem starken Akzent auf dem letzten Buchstaben. Neben mir öffnete Brausen, im Stehen, eine kleine Schachtel Pfefferminzpastillen und steckte sich eine in den Mund. Mit leichtem Stottern fragte er: "Hast du mit einem Mal akzeptiert, daß du zuviel bist auf der Welt? Oder bist du einfach dabei zu entwischen? Sich umzubringen ist empfehlenswert in bestimmten Situationen, aber ich wüßte gern, welchem Quälgeist du deinen Leib entziehen willst. Ob es eine Krankheit ist oder wegen der Augen irgendeiner grausamen und perversen Frau. In jedem Fall ist es übereilt. In ein paar Jahren wird er schon ganz von allein zu dir kommen. Und vielleicht wirst du dich dann strampelnd weigern wollen."
"Ja, Brau", sagte Charlie. "Immer so vernünftig bei deinen blöden Witzen. Aber wenn ich dir das erkläre, vergeht dieses Stück Zeit, das meine Zeit ist und, wenn ich recht bedenke, das einzige, was ich habe und handhaben kann. Stimmt schon, in hundert Jahren sind wir alle dahin. Ich bitte euch um Entschuldigung für mein Geplauder. Euch alle mag ich oder habe ich gemocht, in verschiedenen Abstufungen natürlich."
Isabel simulierte ein Gähnen und tastete ihre Taschen ab. Sie suchte - zeigte, daß sie suchte - eine Zigarettenschachtel. Ich zündete eine von meinen an und steckte sie ihr zwischen die Lippen. "Thanks", sagte sie, flegelhafter als ich. "Bitte. Tut mir leid, daß es keine von deiner Sorte ist."
"Aber Charlie, Liebster", insistierte Isabel. "Was soll dieses Spektakel? Warum verpaßt du dir nicht ohne Beihilfe eine Kugel? Vielleicht, fällt mir ein, suchst du eben ein Publikum von Geliebten und anderthalb Mann, das verhindern soll, daß du dich umbringst. Ich kenne dich."
Charlie holte ein Taschentuch aus der Brusttasche und preßte es gegen das Niesen. Ich bemerkte ohne größeren Neid, daß er sich für die Zeremonie sehr gut gekleidet hatte. Weißes Hemd, darüber eine verblüffende tausendfarbige Weste mit vier großen Taschen. Handgemalte Krawatte. Die Schuhe allzu glänzend. Der Anzug aus englischem Kaschmirtuch, wie mir schien.
Immer hatten wir ihn als Künstler verkleidet gesehen. Alte, graue Hose, ein grobes Holzfällerhemd, eine - selten qualmende - Pfeife aus den Zähnen hängend. Im Winter trug er einen Samtkasack, nie einen Mantel, ein knallfarbiges Tüchlein anstelle der Krawatte. Er ging barhäuptig aus, eine Baskenmütze trug er nicht, weil er wußte, daß dies allzusehr Bohème gewesen wäre. Er zeigte die Bilder nicht. "Noch nicht", schnitt er einem das Wort ab. Auf der Staffelei eine jungfräuliche Leinwand; die Malkartons zur Wand gedreht.
Charlie sagte: "Ich habe Grippe. Aber das zählt nicht. Ich werde ihr nicht erlauben, sich in meine Zeit einzumischen, das absolut mir gehörende Stückchen Zeit, das ich gewählt habe. Aber ich will nicht egoistisch sein. Auch ihr werdet eure Zeit für den heutigen Abend festgelegt haben." Er schaute auf seine Armbanduhr. "Wie ihr alle wißt, bin ich so reich, daß ich zwei Zimmer, Küche und Bad besitze. Im Zimmer nebenan gibt es Delikatessen und anständige Getränke. Ich bitte euch, als letzten oder vorletzten Gefallen, daß ihr rübergeht und eßt, trinkt, euch amüsiert. Ich verspreche euch, ich warte. Essen kann ich aus offensichtlichen Gründen nicht. Schon seit langem tue ich das nicht mehr."
Er streckte seufzend die langen Beine auf dem Sofa aus und schloß die Augen. Er war blaß, unverschämt gut aussehend wie immer.
Wir entfernten uns ins andere Zimmer quasi im Gänsemarsch. Aber eine der Frauen blieb etwas zurück, und ich konnte die bereits klassische Litanei hören, die zum ersten Mal und unnütz für die schon toten Ohren von Scott Fitzgerald erklungen war: "Armer Hurensohn." Ich hörte auch den Schlußpunkt, das Geräusch des Ausspuckens. In Umkehrung der Anekdote war Charlie jedoch noch am Leben.
Wir fanden einen sehr großen Tisch vor - einen von diesen für vielköpfige Familien -, der mit einem hochweißen Laken gedeckt war, das als Tischdecke diente, mit Weißwein- und Roséflaschen, fünfzehn Jahre altem schottischem Whisky und diversen Fressalien, die uns eine Woche lang hätten ernähren können.
Wir aßen, tranken und amüsierten uns mit schlechten Witzen, deren Pointe kaum eine Sekunde lang standhielt, denn stillschweigend kamen wir überein, daß wir einem Scherz beiwohnten, daß Charlie unsterblich war und daß es gut war, wenn fast die ganze Clique hier zusammen war. Alle, die wir gekommen waren, standen, Arm gegen Arm gedrängt, nett beisammen und tranken uns zu.
Wir hatten - mit merkwürdigen Variationen - untereinander so kreuz und quer geliebt, daß die Frauen bereits alte Kameradinnen waren und ohne Gift und Nadelstiche plauderten. Brausen kam mir unbehaglich vor, wie er Kopf und Augen bewegte, um heimlich Gesichter und ihren jeweiligen Ausdruck zu erforschen.
Von Zeit zu Zeit steckte jemand den Kopf ins andere Zimmer, um Charlie zu bespitzeln, und alles, was er sehen konnte, war eine merkwürdige Bewegung seiner Hand zwischen Weste und Flasche. Danach schien er ruhig und blätterte in seinem Buch. Niemand fragte.
Aber auch unser Stückchen Zeit verstrich, und in einem Augenblick des Schweigens erreichten uns die Glockenschläge von San Cristóbal Desnudo, der riesigen und fast zerfallenen Kirche, die mit ihrer Höhe jenen Teil der Stadt beherrschte.
Als wir zurückkehrten, jedermanns Magen zufriedengestellt von Speisen und Getränken, aber nervös, versuchten wir, dem Sofa und dem Spiegel nicht gegenüberzutreten. Eine Pause ohne Worte, bis wir Charlie offen ansahen. Er saß jetzt da, hatte die Lampe angemacht auf dem Beistelltisch, auf dem sich eine weitere Flasche "Edinburgh 15" abhob. Er tat, als läse er ein Buch, und trank langsam aus einem Glas untadeligen Kristalls. Auch tat er eine Weile so, als hätte er den kleinen Aufruhr unserer Rückkehr nicht bemerkt.
Charlie legte das Buch aufs Sofa und zeigte uns sein weißes Lächeln, die Augen allzuweit geöffnet, so blau wie María del Carmens Kleid. Ich kannte diesen Blick seit Jahren.
"Ich bitte euch um Entschuldigung", sagte er. "Ich vergaß, einen Kellner zu mieten. Ich weiß nicht, wie teuer die sind. Wie deren Tarife sind, meine ich. So war es bloß ein ordinäres ,Bedient euch". Aber ich sehe, ihr seid zufrieden, nicht?, wenn auch etwas unschlüssig angesichts des Schicksals."
Ich kannte Charlies Gesicht, und ich erinnerte mich, wie es Übellaunigkeit, Ruhe und jene Gabe der ironischen Bemerkung zeigte, die, immer nachlässig vorgebracht, Feinde schafft. Aber jetzt sah ich ein auf ganz subtile Art anderes Gesicht. Die Augen betrachteten, leuchtend, etwas von ihm noch nie Gesehenes und für uns Unsichtbares. Mit einem Mal verstand ich; ich sah, wie er die Hand an eine der vier Taschen der geblümten Weste führte und wieder zurück zum Mund und wie er mit einem Schluck Whisky nachhalf. Drogen zweifellos.
Vielleicht verstand, rascher oder langsamer als ich, noch jemand. Dieser Jemand rief - einen wirren Chor im Rücken - flehend und in Wut: "Aber Charlie, du bist verrückt!"
Die bereits unzweifelhafte Lesbierin beherrschte mit Streicheleien die Schultern der notorischen Nymphomanin. Vielleicht war dies der Beginn einer ebenso intimen wie sonderbaren Freundschaft.
"Ihr seid alle verrückt", sagte Charlie, leicht über die Konsonanten stolpernd. "Ihr vergeßt meinen Freund, vergeßt das Grab, das mit seinen Trauersträußen wartet. Nicht auf mich, mich werden sie verbrennen. Aber von den so sehr befreundeten Mädchen denke ich, daß sie einmal, ich meine, daß eine von ihnen das Sonett (Das Sonett ist Quevedos "Amor constante más alla de la muerte". Darin aber fehlen die Worte "funebros ramos") im Kulturclub von Villa Mongo rezitierte. Gebt nichts drauf. Ich lüge" - noch eine Tablette, noch ein Schluck. "Keine von euch. Aber wenn ihr glaubt, daß ich keinen Kellner mieten konnte. Alle verrückt, und ihr vergeßt, daß die Trauersträuße euch erwarten. Immer müder, aber noch sind Kräfte da. Ich könnte viele Kellner bezahlen, einen für jeden. Jetzt, wo ich gehe, bin ich reich geworden."
In der Gruppe trieben, aufeinanderprallend, Mitleid und Abscheu umher. Manchmal zusammen, manchmal auseinander.
Wieder eine Tablette, ein Schluck, und Charlie sagte, schon sehr schleppend: "Reich, und ich sterbe. Denn ich habe euch eingeladen, daß ihr mich sterben seht. Aber Reiche so wie ich müßten sich nicht umbringen. Aber ihr, die ihr mich manchmal im Glück begleitet habt. Ich korrigiere mich: in Momenten des Glücks, denn das andere, das wahre, gibt es nie." Schluck und Tablette, und ich abwartend. "Denn ich habe zu guter Letzt die Ländereien meines Vaters da unten im Süden zu Geld gemacht. Ich bin reich, und alles für Natalí, ohne Testament." Pille, Schluck, und er fiel zurück auf das Sofa, immer noch mit großen, blauen, überraschten Augen, die betrachteten und sahen.
"Nicht aus Liebe oder deren Asche." Jetzt stammelte er, tastete jedem Wort hinterher, einem nach dem anderen. "Weil sie mich zu respektieren wußte und an meiner Seite stand in schlechten Zeiten, die sich schon nicht mehr wiederholen können. Habt ihr verstanden?" fragte er gleichgültig und schwach.
Mit schwerfälligen Bewegungen - als wären es fremde Arme - kramte er eine Handvoll Tabletten aus der prächtigen Weste hervor und trank aus der Flasche. Er streckte sich in seiner ganzen Länge auf dem Sofa aus, schloß die Lider und begann hörbar zu atmen, bis hin zu einem Schnarchen, das ihm den Mund öffnete. Ein kleines Speichelrinnsal glitt ihm langsam über die rechte Seite seines Gesichts, das sich nach und nach entfernte - es, das so viele Male geküßt hatte und geküßt worden war auf ebendiesem Sofa, während seine animalische Raserei, seine langsamen Liebkosungen von den Bildern bekräftigt wurden, die der Spiegel beitrug. Ich näherte mich ihm, um den Ablauf zu beobachten. Meine Schultern trennten mich von der Gruppe, und ich hörte die Schreie, die vorausgeahnten und unabwendbaren Worte: "Krankenwagen, Arzt, Polizei, Magenspülung vielleicht."
Ich fühlte unserem Charlie den Puls. Sehr schwach, in großen Abständen.
"Liebe Freunde", sagte ich, "dieses Herz hört in zwei Minuten zu schlagen auf. Das muß an der letzten Dosis Tabletten liegen. Die war ein bißchen brutal. Ich persönlich gehe jetzt. Das Dienstmädchen kommt nicht vor Montag. Wenn wir hierbleiben, werden wir uns alle auf dem Kommissariat wiedertreffen, wo wir dumme Fragen beantworten müssen - wer weiß, wie lange."
"Aber sollen wir ihn etwa so lassen?"
"Er ist bereits verlassen", sagte ich. "Adieu. Macht, was ihr wollt. Ich bitte euch nur, vergeßt, daß ich auch hier war."
Ich fuhr mit demselben Aufzug hinab, den María del Carmen benutzt hatte. Das Gebäude, in dem Charlie gewohnt hatte, lag im Südviertel, das mit seinen glücklicherweise bewahrten Bürgerhäusern und andalusischen Patios wieder aufzuleben begann. Das Café war gemütlich, ohne Neonbeleuchtung, und von meinem Tisch aus konnte ich in Ruhe spionieren und sie zählen, wie sie im Schrittempo oder fluchtartig das Haus verließen. Brausen kam als letzter heraus, und mir schien, er bewegte die Hände auf der Suche nach einem Taxi.
Ich wartete einen widerlichen Whisky lang, Inlandserzeugnis, bei zwei ohne Hast, mit lange haftender Asche gerauchten Zigaretten. Ich zahlte beim Kellner und ging. Ich hatte beide Schlüssel, also fuhr ich im Zittern des Apparats hinauf und betrat die Wohnung. Charlie wurde langsam kalt, und der Mund - keine gute Frau war da, ihm ein Kinnband anzulegen - stand grotesk offen.
Auch kein guter Mann war da. Natalia hatte mir während der Siesta am gleichen Nachmittag im Bett gesagt, daß Charlie ihr das Geld der väterlichen Felder zwischen den Seiten des zweiten Bandes der Essais von Montaigne hinterlasse, irgendwo im Durcheinander der Bibliothek. Es war ein großer, schwerer Umschlag voller ebenfalls großer Scheine, den ich kaum in der Westentasche unterbringen konnte.
Schon bevor ich ging, hatte ich keine Neugier mehr für den Verstorbenen. Dagegen bückte ich mich, um einen der gegen die Wand gelehnten Malkartons umzudrehen. Es war ein für meinen Geschmack miserables Bild, worin die grellen Farben untereinander zu zanken schienen. Es ist wahrscheinlich, daß Charlie dasselbe gedacht hätte wie ich.