Juan Carlos Onetti
Als die ganze Stadt wusste, dass endlich Mitternacht war, befand ich mich in Friedas Wohnung in Gran Punta de las Carretas, allein und fast im Dunkeln,' schaute, während ich rauchte, vom kühlen Fenster aus auf den Fluss und das Licht des Leuchtturms und suchte von neuem angestrengt nach einer Erinnerung, die mir naheginge, nach einem Grund, mich zu bemitleiden und der Welt Vorwürfe zu machen, die Lichter der Stadt, die sich zu meiner Linken hinzogen, mit irgendeinem stimulierenden Hass zu betrachten.
Ich war früh fertig geworden mit der Zeichnung der zwei Kinder im Pyjama, die den Ansturm der Pferdchen, Puppen, Autos und Roller auf ihre Schuhe und den Kamin morgendlich bestaunten. Abmachungsgemäß hatte ich die Figuren aus einer Anzeige im Companion abgezeichnet. Das Schwierigste war der dämliche Gesichtsausdruck der Eltern, die hinter einem Vorhang hervorlugten, und mich davon abzuhalten, das Karminrot herzunehmen und quer über die Zeichnung die haarigen, marderpinsligen Worte zu setzen: Es lewe das Glück.
Dafür konnte ich nun die vierzig Minuten, die mich vom neuen Jahr, meinem Geburtstag und Friedas versprochener Rückkehr trennten, dazu benutzen, in grünen Farben ein neues Schild fürs Badezimmer zu malen. Das alte war verwaschen, bespritzt, mit Seife und Zahnpasta bekleckert. Außerdem war es in schauriger Kursivschrift beschriftet, in der gleichen Kalligraphie wie auf den Brettchen, die Kretins sich in die gute Stube hängen: Kleines Haus, großes Glück, Willkommen, junges Schiff, alter Kapitän.
Ich hatte ein Geschenk für Frieda gekauft; in hellblaues Seidenpapier eingewickelt, lag es neben dem Glas, der Flasche Zuckerrohrschnaps, dem Teller mit kandierten Früchten, Turrón und Nüssen an dem Platz, den sie bei Tisch gewöhnlich einnahm. Ich hatte ihr auch eine Zigarre gekauft und ein Päckchen Rasierklingen, damit sie sich das Haar schneiden konnte. Obwohl wir erst wenige Monate zusammenlebten, waren solche Geschenke an Jahrestagen, die wir einhielten oder erfanden, Tradition. Sie bedankte sich dafür mit Beschimpfungen von erstaunlicher, manchmal überzeugender Obszönität, verhieß Rache, anerkannte zuletzt immer meinen guten Willen, meine Wertschätzung, mein rücksichtsloses Verständnis. Ihre Geschenke hingegen waren Anstellungen, Methoden, wenig Geld zu verdienen, Tricks, damit ich vergaß, dass ich ihr auf der Tasche lag.
An Samstagen, nachts, wenn viele Leute im Haus waren, wenn sie anfing, betrunken zu sein, ging Frieda sich aufs Klo setzen, saß da minuten- oder viertelstundenlang, solange keiner sie suchen kam, fast bewegungslos, die Pumphosen auf den Knien, und schnitt sich geizig mit einer Rasierklinge das Haar, das ihr in die Stirn fiel, den Blick ihrer wachsamen Vogelaugen auf das Schild gerichtet, das zwischen der Hausapotheke und dem Waschbecken hing, dasselbe, das ich nun, um sie zu überraschen, renovierte, auf den Satz Baudelaires: "Ich danke dir, Gott, dass du mich weder als Frau noch als Neger, noch als Juden, noch als Hund, noch als Zwerg geschaffen hast." Niemand, der das Klo benutzte, konnte weggehen, ohne sie heruntergebetet zu haben.
Aber an jenem Silvesterabend hatten wir gewünscht – oder uns so lange in Lügen verwickelt, bis wir uns versprochen hatten –, allein zu bleiben und zu versuchen, uns glücklich zu fühlen. Sie hatte geschworen, alles abzuwimmeln, Ballettschülerinnen, Kundinnen der Schneiderwerkstatt, unerwartete Angebote, um noch vor Mitternacht mit mir allein zu sein. Ich hatte nicht viel abzuwimmeln, um die Abmachung einzuhalten.
Es war nicht die Seligkeit, aber es war die geringere Anstrengung. Frieda würde kommen, kam aber nicht vor dem neuen Jahr. Wir würden etwas essen, würden uns, Experten, die wir darin waren, die Dinge hinauszuzögern, um nichts kaputtzumachen, darauf konzentrieren, uns zu betrinken; ich würde mit fingiertem Interesse Fragen stellen, um sie zu animieren, den Monolog über ihre Kindheit und Jugend in Santa Maria zu wiederholen, die Geschichte ihrer Vertreibung, die willkürlichen, variablen Erinnerungen an das verlorene Paradies.
Vielleicht würden wir gegen Ende der Nacht im großen Bett, auf dem Teppich im vorderen Zimmer oder auf dem Balkon miteinander schlafen. Mir würde es einerlei sein, es zu tun oder zu lassen; aber ich habe nie eine Frau gekannt, die so fähig war, immer wieder zu überraschen, und so bereit zur Beichte. Wenn es ihr einfiel, mit mir zu schlafen, und der Rausch sie zum Reden zwang, dann war das, wie zehn Frauen zu besitzen und von ihnen zu wissen. Vielleicht würde sie sich zur Feier des Tages sogar mit dem Rücken auf den Boden oder die Matratze legen.
Ich stand am Fenster, rauchend, reichlich Verdünntes trinkend, als das Hupen und die Böllerschüsse einsetzten. Es war mir unmöglich, mich mit mir selbst zu befassen; also dachte ich an María und Seoane, meinen Sohn, gab mir alle Mühe, zu leiden und mich anzuklagen, besann mich auf Anekdoten, die letzten Endes doch nichts bedeuteten.
Alles war einfach so gewesen oder war so, auf diese Weise, obschon vielleicht auch auf eine andere, obschon jede denkbare Person eine andere Version davon geben konnte. Und ich war, endgültig, nicht nur nicht bemitleidenswert, ich war noch nicht einmal glaubhaft. Die anderen existierten, und ich schaute zu, wie sie lebten, und die Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, war nicht mehr als meine angewandte Liebe zum Leben.
In Lavanda hatte man die Mitternacht schon wieder vergessen. Die Lichter drüben in Ramírez wurden spärlich, und auf dem Ball im Park Hotel war das Kommen und Gehen der Paare auf der Tanzfläche vermutlich schon in vollem Gange, als das neue Jahr wirklich begann. In der Nähe der Kaserne ertönte wieder eine Negertrommel tief, einsam, unbesiegt und machte die Worte undeutlich.
Aber ich erkannte Friedas Stimme, die unsicher klang, nachgab, an Kraft verlor. Sie schrie "Himmel!", und ich rannte durch die Wohnung, lief lautlos im Dunklen ein paar Absätze der gefliesten Treppe hinunter, die in den Garten und zurEingangstür führte.
Dort war kein anderes Licht als der diffuse Schimmer, der aus dem Proa kam. Aber ich konnte sie sehen, fest aufgepflanzt zwischen zwei dürren Blumenbeeten, athletisch, ihre Kraft federnd, während eine Fehlgeburt tuberkulöser Eltern, dunkel von Haut und in Röcken, den Kopf phantastisch vergrößert durch die Tagesarbeit eines billigen Friseurs, zu ihr sagte: "Denn mich, du Bankert, denn wenn du meinst, du könntest mich für eure Sexorgien hernehmen, denn wenn du mit mir gehst, gehst du mit niemand sonst." Sie schlug ihr mit der Hand ins Gesicht, und Frieda ließ es geschehen; dann begann das Biest, methodisch und ohne Pausen mit der Handtasche auf sie einzuschlagen.
Ich setzte mich auf einen Treppenabsatz und zündete mir eine Zigarette an. 'Frieda kann sie zu Muß machen, wenn sie nur einen Arm rührt', dachte ich. 'Mit einem einzigen Fußtritt kann Frieda sie bis an den Fluss befördern.'
Aber Frieda hatte sich dafür entschieden, das Jahr so zu beginnen: die Hände auf den Hinterbacken, die Schulterbreite des Schneiderkostüms übertreibend, sich schlagen lassend und es genießend, die Handtaschenhiebe beantwortend mit ihrem heiseren "Himmel", das klang, als bitte sie um weitere Schläge.
Als das Dreckstück vom Schlagen genug hatte, weinten alle beide und traten aus dem Garten auf die Straße. Ich sah, wie sie keuchend stehenblieben und umschlungen weitergingen. Da lief ich hinauf, um die Lichter anzuzünden und Frieda einen guten Neujahrsempfang zu bereiten.
Ich hatte sie neben mir unter dem hellen Licht der Stehlampe, oder sie allein saß dort im Sessel, das blonde Haar in der Stirn, den Mund lasterhaft und bitter verzerrt, die wie immer hochgezogene rechte Braue nun über ein blaues, geschwollenes Auge gewölbt. Mit den aufgerissenen und blutigen Lippen, die sie nicht behandeln wollte, zwang sie mich, das neue Jahr mit Geschichten aus Santa Maria zu beginnen. Seit ihrem vierzehnten Jahr war sie damit beschäftigt, sich zu betrinken und Skandale zu provozieren und zu schlafen mit allen von der göttlichen Weisheit vorgesehenen Geschlechtern.
Ich sage das ihr zu Ehren, die sich jeden Sonntag katholischer zeigte und jeden Samstag, jeden Samstag früh mir die – von ihr bezahlte – Wohnung mit jedesmal älteren, scheußlicheren und gemeineren Frauen vollstopfte. Sie sprach von ihrer Kindheit in der Provinz und von ihrer Junkerfamilie, die absolut daran Schuld war, dass ihr jetzt in Lavanda nichts anderes übrigblieb, als sich zu betrinken und den Skandal und die wüste Liebe zu wiederholen. Bis zum Tagesanbruch dieses ersten Januar sprach sie, betrunken, schon ehe sie heimkam, von misslungenen Begegnungen und der Schuld anderer, dabei das fast gänzlich geschlossene Auge streichelnd, den Schmerz der aufgesprungenen und geschwollenen Lippen genießend.
"Mir war", sagte sie lächelnd, "du wirst es nicht glauben, mir war, als hätte Seoane an der Ecke gestanden."
"Um diese Zeit! Außerdem wäre er heraufgekommen, um mir guten Tag zu sagen."
"Vielleicht ist er nicht gekommen, um dich zu sehen."
"Ja, Liebste", sagte ich.
"Nicht, um dich zu besuchen. Vielleicht um das Haus auszukundschaften, um zu sehen, ob du kommst oder gehst."
"Möglich", nickte ich, weil ich mit Frieda nicht gern über Seoane sprach und vielleicht auch mit niemandem sonst.
Sie sprach, wie alle Frauen, von einer idealen Frieda, wunderte sich über den fortgesetzten Triumph der Ungerechtigkeit und Verständnislosigkeit, suchte und präsentierte Schuldige, ohne sie zu hassen. Sie sagte nichts über das unerklärliche Ekel, das ihr mit der Handtasche ins Gesicht geschlagen hatte. ich war schon gewöhnt an ihr Bedürfnis, Geliebte mitzubringen, die jedesmal schmutziger und billiger waren. Da die Zeit keine Bedeutung hat, da die Gleichzeitigkeit ein Detail ist, das von den Launen des Gedächtnisses abhängt, fiel es mir leicht, Nächte heraufzubeschwören, in denen die Wohnung, in der Frieda mir zu wohnen erlaubte, mit zahlreichen Frauen bevölkert war, die sie von der Straße, aus Hafenkneipen, aus dem Victoria Plaza mitgebracht hatte. Schöne und gut angezogene waren darunter, mit wenig Schmuck, mit Armbändern, in dunklen Kleidern, komplettiert mit Perlen.
Aber in letzter Zeit überwogen die frechen und schmutzigen Mestizinnen, die unanständigen Wörter, die angezündet im Mund hängenden Zigaretten. Oft ließen die erbitterten Wortgefechte mich nicht schlafen, und ich sprang aus dem Bett und lief durch die Wohnung, an einer Zigarette knabbernd wie an einem Ölzweig, mich mühsam fortbewegend zwischen Frauen, die auf dem Boden hockten, auf dem Tisch saßen, offen auf dem Diwan lagen, in der Küche knieten, sich im Badezimmer umzogen, auf dem rot gefliesten Balkon Sonne oder Mond auf sich scheinen ließen.
"Roa hat gezahlt", sagte Frieda. "Das hat er fein gemacht, so fängt er das Jahr besser an, und vielleicht bringt es ihm Glück."
Die Geldscheine waren von meiner Brust auf den Tisch gefallen. Ich hob sie auf, ohne das Gummiband abzunehmen; es waren Hundertpesoscheine.
"Hat er alles gezahlt?" fragte ich.
Frieda brach in Lachen aus und lutschte dann an der gespaltenen Lippe.
"Gib mir einen Schluck zu trinken und einen Glimmstengel."
Diese arme Herumtreiberin. Aber es ist so schön, zuzulassen, dass sie mit dir machen, was sie wollen, dass sie nicht mal ahnen, wer du bist. Geschehen lassen, bis es einem irgendwann plötzlich einfällt, jetzt ist Schluss, und dann hört man auf, geschehen zu lassen und am Geschehenlassen Spaß zu haben, und begeht mit der ganzen Lust und Glückseligeit der Welt die größte Ungeheuerlichkeit. Als Retourkutsche; nicht aus Stolz, auch nicht aus Lust am Heimzahlen, sondern weil das Vergnügen plötzlich darin besteht, zu schlagen, und nicht mehr darin, sich schlagen zu lassen. Ja?"
"Verstehe", sagte ich. Ich hörte, wie sie die Geldscheinröhre auf meiner Hand tanzen ließ.
"Wirst du mir helfen? Im richtigen Moment, meine ich, vorausgesetzt, er kommt?"
"Klar"; ich steckte das Geld in die Hosentasche, goss Zuckerrohrschnaps in ein Glas und gab es ihr, ich steckte ihr eine Zigarette in den Mund und hielt ihr ein Streichholz hin.
"Wann du willst. Hat er gezahlt oder nicht? Ich meine, hat er alles und für immer bezahlt?"
In einem Lachanfall richtete Frieda sich auf und ließ sich, den Boden mit Speichel bespritzend, auf die Seite fallen.
"Er hat es verdient, weil er so blöd ist. Am Tag seiner Missheirat sah er im Geschenkezimmer das unanständige Porträt, das Bild der nackten Olga. Er hätte vor den Leuten ein erstauntes Gesicht, eine Was-weiß-ich- und Mir-egal-Miene aufsetzen können. Hat er vielleicht auch. Aber am Ende der Flitterwochen schreibt er an Olga. Das Übliche, armer Tropf. Einzige Liebe meines Lebens, und alles bleibt, wie es war.' Gib mir was zu trinken. Und schreibt noch Erinnerungen und Einzelheiten dazu. Olga kommt bei mir angerannt, halb zweifelnd, halb glücklich. Da sie dumm geboren ist, habe ich ihr den Brief mühelos gestohlen und mich aufs Photokopieren verlegt, um ihn zu erpressen. Armer Roa."
Sie hielt sich die Rippen und setzte dann eine Kleinkindermiene auf, um zu horchen, was von der Nacht blieb. "Ich glaube, diese schmutzige Hündin hat mir ein Knie in den Bauch gerammt. Es ist nichts. ja, er hat alles bezahlt. Und ich habe ihm gesagt, das sei die letzte Quote. Ich weiß nicht, ob es stimmt, ich weiß nicht, ob ich nicht in einer Woche, wenn er gerade mit den Kindern und den Heiligendreikönigsgeschenken spielt, wieder auftauche und mehr Geld von ihm verlange. Am Geld von Roa liegt mir nichts mehr. Du siehst ja, du hast es schon weggesteckt. Worauf es mir ankommt, ist, ihn fertigzumachen, das ist mein Verhältnis zu ihm, und so muss es wohl weitergehen."
"Frieda", sagte ich sehr laut. Sie fuhr im Sessel zusammen und hob schließlich den Kopf. Sie war betrunken, hatte ihr Kleinmädchenlächeln, die Tränen begannen zu fließen. Ich legte die Geldröhre auf den Tisch, sorgfältig, damit sie nicht rollte. "Die Sache mit Roa muss als abgeschlossen gelten."
Sie zuckte die Achseln und schaute mich an, als ob sie mich liebte, mit einem tieftraurigen und erstaunten Lächeln, während sie faul die Zunge bewegte, um ihre Tränen aufzulecken.
"Wie du willst", sagte sie. "Gib mir noch was zu trinken, wir wollen das neue Jahr feiern."