Fritz Rudolf Fries
Zum Tode des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti
Es wird erzählt, der alternde Schriftsteller habe seine Vormittage am liebsten im Bett verbracht, bei der Lektüre von Marcel Prousts endlosem Roman. Am Montag dieser Woche ist Juan Carlos Onetti im Alter von vierundachtzig Jahren in Madrid gestorben; das Herz des großen Unbekannten hat aufgehört zu schlagen. Über Jahre habe ich den Namen mit Respekt vernommen, mir auf einer Langspielplatte der Casa de las Américas seine Geschichten angehört. "Willkommen, Bob" und "Die Werft", von ihm selber gelesen in seiner sonoren Stimme, ein in den Bann schlagendes Parlando. So müßte in Kirchen gepredigt werden, und vielleicht haben seine Texte mit Predigten zu tun, zumindest mit einer Konfession, die einen Zustand erzeugt, der weit entfernt ist vom prickelnden Reiz einer Geschichte von Julio Cortázar; nach der Lektüre einer Cortázar-Erzählung möchte man am liebsten an der Tür des Nachbarn klingeln, um ihm den Inhalt der Geschichte zu referieren, als sei's eine unerhörte Zeitungsnachricht.
Nichts davon bei Onetti. "Und dann möchte ich auch klarstellen", heißt es in Onettis erster Arbeit, der 1939 gedruckten Novelle "Der Schacht", "daß sich mein Leben nicht darauf beschränkt, daß ich den Tag nicht damit zubringe, mir Geschichten vorzustellen. Ich lebe." Daß der 1909 in Montevideo geborene Autor lange im Schatten anderer Autoren seines Kontinents wie García Márquez, Vargas Llosa oder Julio Cortázar blieb, liegt wohl auch daran, daß seine Hauptwerke schon geschrieben worden waren, als um 1961 der lateinamerikanische Boom die Leser erreichte, die Autoren berühmt und die Verleger reich machte. Heute ist das alles Legende. Die Überlebenden des Booms sind als Politiker besser denn als Schriftsteller. Das mag die Stunde sein, die Hinterlassenschaft Onettis, der mit fünfzig Titeln aufwarten kann, neu zu sichten und zu entdecken.
Der junge Journalist Juan Carlos Onetti schloß sich um 1939 in Montevideo dem jungen Dichter Juan Cunha und dem jugendlichen Komponisten Casto Canel an. Beide hatten den Verlag Stella gegründet, der ebenso mittellos wie zukunftsfroh war. In einer Auflage von fünfhundert Exemplaren erschien auf grauem Papier Onettis erste Arbeit "El Pozo" ("Der Schacht"). Das Büchlein kostete damals fünfzig Centavos. Heute wird es antiquarisch mit 1500 Dollar gehandelt. Für den Umschlag hatte Canel ein vages Porträt entworfen, womöglich die Urgestalt aller späteren Helden des Erzählers, heißen sie nun Eladio Linacero, Ambrosio oder Larsen; von ihm wird im Roman "Die Werft" (1961) gesagt, er sei ein Lebender unter lauter Gespenstern. Canel adelte sein dilettantisches Porträt, indem er es Picasso unterschob.
Onettis eher mißmutige Hauptfigur Eladio Linacero gewinnt das Vertrauen des Lesers, weil sie den Hang zur Niederlage, den wir alle in uns haben, ohne Illusionen eingesteht. Nach dem Erscheinen des Romans "Niemandsland" (1940) erklärte Onetti in einem Interview: "Ich zeichne Menschen, die zwar exotisch erscheinen mögen, in Wirklichkeit aber eine ganze Generation darstellen . . . Die alte Moral haben sie verworfen, aber sie haben noch nichts gefunden, was sie ersetzen kann. Ja, in unserem Südamerika, im jungen Amerika ist ein Menschentyp aufgetaucht, dem alles gleichgültig ist, der an nichts glaubt und sich nicht für sein Schicksal interessiert . . ."
Und wie immer braucht auch diese Aussage eines Dichters den ergänzenden Hinweis. Zunächst läßt Onettis "exotischer Mensch" an die fantasiekranken Bewohner Macondos denken. Lange vor García Márquez hatte Onetti sein Niemandsland entworfen, und wie Samuel Butlers Satire "Erewhon" (1872) eine Umkehrung von Utopie war, so ist auch Onettis fiktives Provinzkaff Santa Maria die Umkehrung eines realen Ortes am argentinischen Ufer des Rio de la Plata. Hier hatten einst strebsame und erwartungsvolle Schweizer Siedler den Ort Colonia Suiza gegründet. Von hier kommen Onettis exotische Menschen, Einwanderer der ersten und zweiten Generation, Habenichtse und Glücksritter mit italienischen, slawischen und deutschen Familiennamen.
Sie haben eine gemeinsame Eigenschaft, und das ist ihre Jugend. Zur Exotik der Jugend gehört der Traum ebenso wie die Tragik, am Ende in eine Eisenwarenhandlung einzuheiraten. Der jugendliche Held Onettis verabscheut das Falschgeld des nationalen Pathos mit der für Lateinamerika typischen Euphorie patriotischer Gefühle. Und so werden in den Büchern Onettis, anders als bei Vargas Llosa oder Cortázar, keine Fahnen entrollt, keine Hymnen gesungen. Der letzte exotische Nachfahr in dieser von Onetti geprägten Figurenreihe heißt Horacio Oliveira und ist Cortázars Intellektueller im Exil, Alter ego des Autors in seinem Pariser Roman "Rayuela" ("Himmel und Hölle").
Linacero oder Larsen, das ist der "Mann der Menge", der hundert Jahre früher bei Edgar Allan Poe die beunruhigende Erfahrung der Großstadt macht. Auch Onetti mißtraut der Metropole. In seinem 1943 geschriebenen Roman "Für diese Nacht" findet er für den Faschismus die gleiche Metapher wie Albert Camus vier Jahre später in seinem Roman: Es ist die Pest, die alle Bewohner in die Angst und in den Abgrund treibt.
In den dreißiger Jahren geht Onetti nach Buenos Aires, arbeitet für die Nachrichtenagentur Reuter und schreibt Artikel für die in ganz Lateinamerika gelesene links-kritische Wochenschrift "Marcha". Die Diktatur - in Uruguay ist man mit Diktaturen erfahren - wird zum ersten Mal auf ihn aufmerksam. Jahre später wird sie ihn in Montevideo ins Gefängnis werfen. Da ist Onetti bereits eine Legende. 1976 wird er eines seltsamen Verbrechens angeklagt, von dem sich alle Diktaturen und Gesinnungsgesellschaften bedroht fühlen: Delito de pensamientos heißt es in der Urteilsverkündung - Gedankenverbrechen. Nach einem Monat Haft wird er krank entlassen und ausgewiesen. Onetti geht nach Spanien. 1980 wird ihm in Madrid der ebenso renommierte wie hochdotierte Cervantes-Preis verliehen.
Onetti gehörte zu den ersten, die in Lateinamerika Faulkner entdeckten und übersetzten. Er hat sich stets zu ihm bekannt. Was ihn an dem Meister aus New Albany interessierte, ist das Beharrungsmoment seiner Figuren: Auch in der existentiellen Angst des Abgrunds kennen sie weder Sentimentalität noch Niederlage.
Nicht ohne Reiz für das literarische Gedächtnis des Lesers, der sich seine wiedergefundene Zeit aus den Zufällen der Vergangenheit rekonstruiert, mag ein Hinweis sein. Als Onetti seine frühe Erzählung "Der Schacht" schrieb, die alle späteren Figuren und Themen enthielt, schrieb am argentinischen Ufer des La Plata der spanische Philosoph Ortega y Gásset an seinem Aufsatz "Der Mensch und die Leute". Und so mag ein Satz Ortegas, der wie eine Poetik zu den Erzählungen und Romanen von Juan Carlos Onetti klingt, diesen Nachruf unterstreichen. Ortega schreibt: "Das Leben aber ist nichts anderes als das Sein des Menschen, und darum drückt in diesen Worten sich das Außergewöhnlichste, Eigentümlichste, Dramatischste, Widersprüchlichste am gesamten Menschsein aus: die Tatsache, daß der Mensch die einzige Realität ist, die nicht nur im Sein besteht, sondern obendrein noch ihr eigenes Sein auszuwählen hat."