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Romanistik-Barometer?

Borris Mayer

Über Inke Gunias Onetti-Essay im KLRG

Mit einem Artikel über Juan Carlos Onetti, enthalten in der 21. Lieferung vom November 2003, geschrieben von Inke Gunia, hat der Gunter Narr Verlag eine gravierende, ja peinliche Lücke seines Kritischen Lexikons der romanischen Gegenwartsliteraturen (KLRG) geschlossen.

Wer das KLRG als allererste Informationsquelle nutzt – noch vor dem Blick ins Internet –, wird wohl nicht enttäuscht sein: Man findet in der Einzelblatt-Sammlung jetzt ausreichend Material für ein akzeptables Onetti-Referat vor oder kurz nach dem Abitur.

Wer aber, etwa aufgrund des Lexikontitels, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Werk von Onetti und/oder dem diesbezüglichen Stand der Forschung erwartet, dem drängt sich schnell der Eindruck auf, dass in der langjährigen Lücke nun ein Lückenbüßer steckt.

Dabei erweist sich der Beginn der Ausführungen als durchaus viel versprechend: "Die Gründe für eine zunehmende Auseinandersetzung mit Onetti lassen sich in der Poetik seines erzählerischen Werkes finden".

Diese Poetik wird folgendermaßen erläutert: "Zu den von Onetti bevorzugten Erzählstrategien gehört das Spiel mit den Ebenen von Realität und die Fiktion. Die sukzessive Neutralisierung der Grenzen zwischen diesen beiden Sphären wird häufig auf der Grundlage des Figureninventars erreicht, und zwar durch die Wahl von Figuren mit einer ausgeprägten Vorstellungskraft."

Der interessanten und nicht falschen These einer "sukzessiven Neutralisierung" folgt leider keine präzise narratologische, einer Poetik angemessene Werkanalyse. Stattdessen begnügt sich die Autorin mit kurzen Inhaltsangaben einer Reihe recht willkürlich gewählter Erzählungen (Avenida de Mayo–Diagonal Norte–Avenida de Mayo, El posible Baldì, Un sueño realizado, Mascarada, La casa en la arena, El album, Historia del caballero de la rosa y de la virgen encinta que vino de Liliput, Tan triste como ella und La novia robada). Angesichts dessen wundert es kaum, dass die unmittelbar anschließende "Interpretation" rein inhaltsbezogen ausfällt. Sie basiert, implizit, auf einem Satz herkömmlicher Prämissen, der in der unkritischen Literaturwissenschaft zu den beliebtesten zählt – dem der Laien-Psychologie: "Das Thema der im Rahmen der literarischen Fiktion konstruierten Gegenwelten (zur fiktionalen Realität) ist von zentraler Bedeutung in diesen Erzählungen von Juan Carlos Onetti. In den geschaffenen Räumen übernehmen die Figuren bestimmte Rollen. Raum und Rollenspiel dienen als Refugium, von dem sie sich die Lösung ihrer alltäglichen Probleme erhoffen."

Angesichts der Tatsache, dass Interpretationen generell weder falsch noch richtig sind, lässt sich an diesen Aussagen – in ähnlicher Form und vergleichbarem Verdauungsgrad in unzähligen akademischen Pansen zu finden–, lediglich aussetzen, dass die Texte von Onetti in ihrem Lichte seltsam simpel erscheinen.

In gleicher Manier, wenn auch diesmal mit dem sozio-kulturellen Kontext als Interpretationskrücke, entliehen von den Fossilien der Onetti-Forschung, werden im Anschluss auch die Romane El pozo, Para esta noche, Tierra de nadie, La vida breve, El astillero, Juntacádaveres und Dejemos hablar al viento beschrieben. Signifikanterweise finden ausgerechnet die hinsichtlich einer Onettischen Poetik paradigmatischen Romane Para una tumba sin nombre und La muerte y la níña, ebenso wie die beiden letzten großen und poetologisch gleichermaßen höchst interessanten Texte Cuando entonces und Cuando ya no importe, keinerlei Erwähnung.

Bestärkt werden die Zweifel an der Brauchbarkeit des Artikels durch die ernüchternde Tatsache, dass aus dem in den letzten fünfzehn Jahren sprunghaft angewachsenen, inzwischen immensen Korpus kritischer Literatur über Onetti – darunter rund 20 Dissertationen –, einzig und allein die beiden deutschsprachigen Versuche von Wolfgang Matzat und Markus Fischer zitiert werden. Fischer im Zuge der Behandlung intertextueller Verweise im Werk von Onetti die Erkenntnis zuzuschreiben, "daß das vorletzte Kapitel von Juntacadáveres teils abgewandelt und teils wörtlich zitierte Abschnitte aus dem vorletzten Kapitel von La vida breve wiederholt", nährt die Befürchtung, dass die Autorin auch große Teile der im Anhang aufgelisteten älteren Literatur bestenfalls als bibliografischen Verweis kennt.

Und so zeigt sich einmal mehr, dass Onetti kein Sujet für Auftragsarbeiten ist; dass der Einsatz philologischen Vokabulars allein nicht genügt, um gehaltvolle Aussagen über sein Werk zu treffen. Unvollständig dokumentierte und fehlerhafte Literaturangaben runden das Bild eines Beitrages über Onetti ab, der leider weder die intellektuellen Höhen noch die empirischen Tiefen der neueren Onetti-Forschung abbildet, geschweige denn in sie vordringt.




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