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Die Rückkehr des Leichensammlers

Uwe Stolzmann

Der Suhrkamp-Verlag verlegt die weltweit erste Onetti-Werkausgabe

Einmal, vor 45 Jahren, wurde Onetti gefragt: Welche Funktion hat der Intellektuelle in der Gesellschaft? Der Interviewer wollte es genau wissen, doch der Dichter erwiderte kurz angebunden: «Keine. Er muss Talent haben.» Mit Talent war Juan Carlos Onetti, geboren 1909 in Montevideo, in reichem Mass gesegnet. Anfang der sechziger Jahre, als das Interview erschien, vollendete er gerade zwei Bücher: «Die Werft» und «Leichensammler». Zwei Romane, die einmal das Herzstück seines Zyklus über Santa María formen würden.
Was für eine Stadt. Santa María – jene mythische Stadt am Strom, ein schmuddeliges Provinznest, gezeugt von einer Buchfigur, in Onettis Roman «Das kurze Leben» von 1950. Rasch löste sich die Schöpfung von ihrem Schöpfer, bekam ein Eigenleben und blieb zugleich nur blasse Möglichkeit: ein Schattenreich mit seltsam blutvollen Schattengestalten, mit eigenen Gesetzen und ungewisser Chronologie. Onetti schrieb elf Romane und knapp fünfzig Erzählungen. In vielen Texten hat er sein Universum ausgebaut, ein gigantisches Experimentierfeld des Geistes, Hintergrund für eine Handvoll melancholischer Figuren, die so lebendig wirken, dass man sie zu kennen meint.
Der Uruguayer war ein im Wortsinn prägender Autor. Julio Cortázar nannte ihn «den grössten Romancier» des Subkontinents, Carlos Fuentes sah in seinem Werk «das Fundament der lateinamerikanischen Moderne». Und Octavio Paz grüsste den verehrten Kollegen in einem Brief als «dein Leser, der dich bewundert».
Die Anerkennung mag tröstlich gewesen sein, doch sie hat wenig bewirkt. Der Boom lateinamerikanischer Prosa seit dem Ende der sechziger Jahre – an Onetti ging er vorbei. Weil der Mann aus Montevideo als ernst und dunkel galt. Weil ein Autor, der die Abgründe einer Stadt erkundete, nicht exotisch, nicht «magisch realistisch» klang. Weil seine Moral (und die seiner Protagonisten) das Massenpublikum eher verschreckte. – Der Ruhm kam spät, lange nach den ersten grossen Texten, und einem wahrhaft fürsorglichen Herausgeber ist Onetti nie begegnet. «Ich wechselte von Buch zu Buch den Verlag», sagte er irgendwann, «um die Verluste zu verteilen.» 1994 ist der Dichter in Madrid gestorben. In der spanischsprachigen Welt gibt es bis heute keine Werkausgabe, und durchweg alle Editionen dort zeigen reichlich Fehler und Lücken.
In unseren Breiten ist dieser aussergewöhnliche Erzähler fast ein Unbekannter geblieben. Natürlich, es gab Einzeleditionen der meisten Werke im Suhrkamp-Verlag, und es gab begeisterte Rezensionen. Ein deutscher Kritiker bezeichnete den Uruguayer als «Erbe Kafkas und Bruder Faulkners». Es war nicht genug. – Jetzt können wir Onetti wiederlesen, mehr noch: den ganzen Onetti lesen, in einer Ausgabe «Gesammelter Werke», die weltweit erste wird es sein. Bis 2009 will Suhrkamp alle Texte, die der Autor vollendet und zu Lebzeiten veröffentlicht hat, in sicheren und schönen deutschen Fassungen zugänglich machen. Da haben wir Onetti, im Originalton, in gediegener Übersetzung: «Schnaufend und glänzend, breitbeinig über den Sprüngen des Eisenbahnwagens auf der Seitenlinie Enduro, ging Sammler durch den Gang, um sich einige Kilometer vor der Einfahrt des Zuges in Santa María der Gruppe der drei Frauen anzuschliessen. Er lächelte aufmunternd in die von Langeweile gedunsenen, von der Hitze, dem Gähnen, dem Reden geröteten Gesichter.»
So beginnt der Roman «Leichensammler» – Onettis Bericht über den Zuhälter Larsen; Larsen, der Sammler genannt wird, Leichensammler, weil er mit meist angejahrten Huren arbeitet. Larsen, der manchmal das Gefühl hat, «dass ein anderer ihn benütze, um irgend etwas auszuprobieren». Dieser Larsen – ein Mann mit dem Aussehen «eines langmähnigen, zerlumpten Geigers» – will in Santa María das perfekte Bordell eröffnen. Er bleibt hundert Tage in der verwünschten Stadt, dann wird er von der bigotten Bürgerschaft vertrieben. Fünf Jahre später kehrt er zurück, für ein zweites Intermezzo, als Geschäftsführer einer längst dem Untergang geweihten Werft.
«Leichensammler» und «Die Werft» bilden den Auftakt der fünfbändigen Werkausgabe. Doch auf diesem ersten, in vornehm graues Leinen gekleideten Band steht eine «Drei». Leise Irritation: Warum Band drei? Und gibt es die zwei Romane nicht schon auf Deutsch? Es gibt sie. Für die «Gesammelten Werke» haben die Herausgeber die Übersetzungen durchgesehen, Satz für Satz, Wort für Wort, eine Sisyphusarbeit. Neben die Texte stellten sie einen ausführlichen Anhang mit Fingerzeigen zu Verfasser, Figuren und Kulisse. Der Leser nimmt die Hilfe dankbar an. Nur: Jemand, der nie von Onetti hörte, mag bei der Lektüre des Nachworts das Gefühl haben, er sei in eine obskure Sekte geraten. Anspielungen findet er, Spiegelungen, Verweise auf andere Verweise, Doppelbödigkeiten ohne Ende.
Im weiteren Verlauf der Ausgabe dürfen wir mit Überraschungen rechnen. Band eins enthält zwei frühe Romane, die bisher noch nicht auf Deutsch vorliegen – «Niemandsland» sowie «Für diese Nacht». Und Band fünf bringt – neben weiteren Erstübersetzungen – vielleicht sogar Texte, die noch nie publiziert wurden. Frage an Jürgen Dormagen, Suhrkamp-Lektor und Mitherausgeber: Wie hoch ist das finanzielle Risiko für den Verlag? «Hoch, ganz einfach», erwidert Herr Dormagen. «Das ist Überzeugungsarbeit.» – Bis die vollbracht und Onetti an den ihm gebührenden Platz gerückt ist, bleibt noch einiges zu tun. Zwei Zahlen mögen dies verdeutlichen: Vorerst 2000 Mal wird die Werkausgabe gedruckt. Ein vergleichsweise triviales Produkt aus dem Hause Suhrkamp, «Zorro» von Isabel Allende, erscheint zu gleicher Zeit in ganz anderer Auflage: mit 150 000 Exemplaren.




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